| 4:3 in Bonn – and the GDR plays too |
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In der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland resümiert eine große Ausstellung 50 Jahre italienisches und deutsches Design Vor genau 30 Jahren war es, da erregte ein Fußballspiel die italienischen und noch mehr die deutschen Gemüter: Beim Viertelfinale der WM in Mexiko entschied erst die Verlängerung darüber, dass die Bundesrepublikaner ihre Koffer packen mussten. Das 4:3, an dem sie damals schwer zu tragen hatten, hat nun den Titel für einen Spielfeld-Vergleich ganz anderer Art gestiftet. Er findet seit Ende Juni und noch bis Mitte November in und auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn statt und widmet sich der Bilanz produktkultureller Großtaten der Italiener und der Deutschen in den vergangenen 50 Jahren. Es ist dies die mit Abstand umfangreichste und bunteste Schau, die jemals beide Design-Nationalmannschaften gemeinsam auf die Beine zu stellen wussten. Von den Klassikern der Ulmer Schule und der ersten Compasso d‘ Oro – Ikonen über die Legenden Braun und Alessi bis zu Traumautos von gestern und heute spannt sich der Bogen der annähernd eintausend Exponate dieses so aufwendigen wie unterhaltsamen und, gottlob, so überhaupt nicht didaktisch daherkommenden Festivals schöner und brauchbarer, zuweilen aber auch nur spektakulär-witziger Dinge aus den Design-Ateliers zwischen Rom und Hamburg. Die vierrädrige deutsch-italienische Oldtimer-Parade übrigens ist nicht nur an sich ein Highlight, sondern auch im doppelten Wortsinne: Sie präsentiert sich auf dem Kunsthallen-Dach in einem „Airquarium“, der größten lichtdurchlässigen, vollklimatisierten Textilmembrankuppel der Welt. Mit von der Partie, anders als 1970 in Mexiko, ist auch die DDR. Zwar – auf bescheidenen rund 50 Quadratmetern – nicht im Sinne eines auch nur annähernd umfassend konstatierenden Grundrisses von 40 Jahren ostdeutscher Produktkulturentwicklung, aber auf einer Empore über dem westdeutschen und italienischen Spielfeldt exemplarische Designveteranen und letzte Kreationen vor der Wende präsentierend, die bei den Besuchern immer wieder blankes Verwundern auslösen: Das stammt aus der DDR? Rund 100 ausgewählten Produkte und Dokumente zur DDR-Designgeschichte sind zu entdecken – manches auch durchaus für den Besucher aus den neuen Bundesländern. Wer kennt schon noch die sensationell funktionale und schöne elektrische Koffernähmaschine „Freia“, ein Renner der 50er Jahre, den absolut modern anmutenden Sternradio-Fernseher „Alex“ von 1959, oder wann hätte je einer Einblick bekommen in die Interna des Amtes für industrielle Formgestaltung (AIF), der staatlichen Leitzentrale des DDR-Designs? Die ältesten Zeugnisse selbstbewussten „Marktauftritts“ der sozialistischen Planwirtschaft sind Bierflaschen, mit dem VEB- und VVB-Enblem versehen. Auch sonst sind vorwiegend Erzeugnisse für den häuslichen, privaten Lebensbereich vertreten, zudem einige für den gesellschaftlichen Gebrauch bestimmte, so im Gastronomiebereich, hier zum Beispiel die weitverbreiteten Superfest-Wirtegläser aus der Lausitz oder das Rationell-Stapelgeschirr aus Colditz. Manches von all dem war noch bis zur Aufnahme in die Exponateliste im Frühjahr 2000 in ostdeutschen Haushalten im Einsatz; die bewusst nicht getilgten Spuren zum Teil jahrzehntelanger Nutzung haben es indes nicht unansehnlich gemacht. Zwei temporäre Schwerpunkte prägen die Objektauswahl: Die Blütezeit des DDR-Designs der 50er und 60er Jahre mit seiner geistigen und formalen Korrespondenz zu Bauhaus, Ulm und skandinavischem Design. Zum anderen aber auch heutig Exemplarisches, dafür stehend, dass ostdeutsche Produktkultur zuweilen auch den Wechsel in die Marktwirtschaft geschafft hat – siehe etwa bei den Deutschen Werkstätten Hellerau, mit Schulmöbeln aus Eisleben, Omega-Staubsaugern aus Altenburg oder bebo Sher – Rasierern aus Berlin. Ein besonderer Ausnahmefall – das 1950 gemeinsam mit Mart Stam entworfene hölzerne Spielmobil von Hans Brockhage, im wahrsten Sinne „wechselseitig“ als Sitzschaukel oder als Fahrzeug fungierend: Nach einem halben Jahrhundert ist es soeben wieder über den Produktversand Manufactum in den Handel gekommen. Der Löwenanteil der DDR-Exponate stammt übrigens aus der umfangreichen Privatsammlung des Berliner Designpublizisten Günter Höhne, dem Kurator dieses Ausstellungsteils. Die zur Stiftung Stadtmuseum Berlin gehörende „Sammlung industrielle Gestaltung“ in Berlin-Prenzlauer Berg, die als Nachfolgerin der ehemaligen AIF-Designsammlung über den umfassendsten Bestand an DDR-Designzeugnissen überhaupt verfügt, verweigerte sich definitiv der Mitwirkung an dem Bonner Projekt. Wer nun bei diesem 4:3 der Sieger ist, Italien oder Deutschland? Oder gar die DDR? Da darf jeder Zuschauer sein eigener Schiedsrichter sein.
(eigener Pressetext, Juni 2000)
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