| LAUDATION to the LilienthalDESIGN-award 2005 |
|
|
|
|
(Landes-Designpreis Mecklenburg-Vorpommern) – Januar 2006 –
Sehr geehrter Herr Minister, liebe Wettbewerbsteilnehmer, meine Damen und Herren.
Zufällig ausgesprochen passend zum heute aus der Taufe gehobenen Re-Design des staatlichen Designpreises Mecklenburg-Vorpommern, zu seiner Krönung mit dem Namen „Lilienthal“, erreichte die diesjährige Jury auch die Kandidatur eines mit filigranen Schwingen ausgestatteten Objekts – des Güstrower Busbahnhofs. Wir werden in einigen Minuten sehen und hören, von welcher Tragweite dieser Entwurf tatsächlich ist, ob er auf einem Siegertreppchen landen konnte. Dass auch aus Lilienthals Geburtsstadt Anklam Auszeichnungsbewerbungen eintrafen, nimmt hingegen nicht Wunder – zählt doch die hier nach der Wende ansässig gewordene Grafik- und Design-Schule traditionell zum Bewerber-Kreis um Designpreis-Ehren. Lilienthal, der Flugpionier... Möge sein gestalterisches Vermächtnis – sachliches Kalkulieren mit Wagemut zu paaren – auch Parlament und Landesregierung in Schwerin weiter beflügeln, sich der Designförderung so nachhaltig zu widmen wie bisher – seit 1993 nun schon, als ich das Vergnügen hatte, die vom Schweriner Wirtschaftsministerium initiierte Gründungsversammlung des Designzentrum Mecklenburg-Vorpommern e. V. zu leiten. Anderswo in Deutschland sieht man leider auf den Kultur- und Wirtschaftsfaktor Design zuweilen von so weit oben herab, dass er nicht einmal mehr als Punkt, als möglicher Tagesordnungspunkt in Debatten und Entschlüssen wahrgenommen wird. Langjährig eindrucksvoll und erfolgreich Wirtschaft und Kultur fördernde Design-Institutionen wie das Internationale Designzentrum Berlin stehen nach der gänzlichen oder weitestgehenden Streichung öffentlicher finanzieller und politischer Unterstützung inzwischen am Rande ihrer Existenz. Ihre Funktion als öffentliche, mobilisierende Podien zur unternehmerischen Wahrnehmung von Design als Wertschöpfungsfaktor wird offenbar weit unterschätzt. Namentlich Berliner und Brandenburger Politiker haben sich in den letzten Jahren von der Designförderung sogar als Haushaltstitel dezidiert getrennt – so wie Stück für Stück von ihrem viel zitierten Tafelsilber. Design aber ist nicht etwas, das man bloß zu Festen und Feiern, zu gehobenen Anlässen als schmückendes Accessoire aus der Schublade holt. Design, Produkt- und Marketingkultur ist Alltagsgut, ist täglich Brot sozusagen. Nicht nur für den, der es sich mit dem Gestaltungshandwerk verdient, sondern auch für den nutz- und liebenswerte Dinge schätzenden Ver- und Gebraucher. Den Brotkorb für Designförderung höher zu hängen, bedeutet Entzug von Lebenskultur – und Geringschätzung von Unternehmenskultur. Design ist nicht Delikatesse, Luxus für Produzenten und Konsumenten, sondern Grundnahrungsmittel – im schönsten Falle Genussmittel. Und da die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern – selbstredend mitten unter ihnen die Politiker – als handfeste Kost bevorzugende wie durchaus genussfreudige bekannt sind (sonst könnten sie nicht so gute Gastgeber für die wachsenden Touristenströme sein), da sie also das Gute, Klare und wahre Schöne zu schätzen wissen, verwundert es am Ende vielleicht doch wieder nicht so sehr, dass gerade hier im Lande sorgsamer, bewusster, ja ehrerbietiger mit der wertvollen Ressource Design umgegangen wird und dass die regelmäßige Verleihung von Landesdesignpreisen als Wirtschafts- und Kulturförderung, dass die damit verbundene öffentliche Publizierung guter und hervorragender Gestaltungsleistungen mit Fleiß betrieben wird. Viele der 51 eingereichten und natürlich die von der Jury als Preisträger ausgewählten Beiträge zum diesjährigen Landes-Designpreis stehen als Fakten für diese Feststellung. Und dass das Bewerten der Design-Qualitäten auch für die Juroren keine Routineübung darstellte, belegt zum einen die über 8-stündige Dauer und beweist vor allem die zum Teil leidenschaftliche Auseinandersetzung um diese oder jene näher und näher ans Siegerpodest rückende Kandidatur. Am Ende gab es diesmal aber überhaupt keine Frage, dass jedes Treppchen „bestückt“ werden könne (man kennt das zur Genüge, diese Feigheit – oder auch Arroganz? – mancher Jurys, sich nicht zu einem Ersten Preisträger bekennen zu wollen und stattdessen womöglich zwei Zweite und drei Dritte Plätze zu vergeben). Die Qualitäten der sich schließlich an der Spitze versammelnden Entwürfe waren erfreulich hoch und dicht beieinander, und die zuweilen heißen Debatten der Warnemünder Jurytagung rührten daher, dass sich die Karat-Unterschiede – etwa zwischen einem Dritten Platz und einer Anerkennung – sozusagen nur noch mit Apothekergewichten bestimmen ließen. Andererseits wollen wir aber nicht verhehlen, dass es auch wieder eine gewisse Anzahl von Entwürfen gab, die ohne längere Debatten schon in der ersten Bewertungs-K.O.-Runde aus dem Ring getragen wurden. Das betraf etwa solche, die keinen nachvollziehbaren seriellen Anspruch verkörperten, gar pure künstlerische oder handwerkliche Unikate waren oder vielleicht gut gemeint, aber noch nicht gut genug gemacht oder auch in gestalterischer Unerheblichkeit oder all zu bekannten fremden Federn daherkamen. Herrgott, das gehört eben mit zum Produktalltag und findet ja sogar auch seine Abnehmer ohne Designpreis-Ehren, wie wir aus jedem Rundgang durch ein beliebiges Warenhaus ersehen können. Eine Designpreisjury ist da aber nun mal wählerischer, muss es sein. Gefreut haben sie und das Designzentrum Mecklenburg-Vorpommern sich aber über alle Einreichungen, über jede einzelne! Stehen doch dahinter immer professionelles Engagement – und die Mühe und der Mut, sich einem ebenfalls professionellen und engagierten Jurorenkreis zu stellen! Auch allen also, die heute nicht oder „nur“ in der Ausstellung dabei sind, unsere unbedingte, ehrliche Anerkennung und Wertschätzung und der Zuruf: weiter so wie bisher, nämlich immer noch ein bisschen besser – bis es demnächst auch zum Sprung auf ein Siegertreppchen reicht. An diesem Punkt und was die Messlatte der Jury betrifft, möchte ich noch einmal deutlich herausstellen: Design ist Wirtschafts- und Kulturfaktor, kein Spaßgesellschaftsspiel. Und ein Designpreis ist in genau diesem sehr komplex-anspruchsvollen Sinne ein Gestaltungs-Preis: für die Gestaltung von Produkten und Umweltsachen, aber genau so für die Gestaltung von Entwurfs-, Produktions- und Marktprozessen. Deshalb wird er ja auch an Unternehmen bzw. Auftraggeber und Designateliers gemeinsam und zu gleichen Teilen vergeben. Das trifft übrigens nicht nur auf das Produktdesign im traditionellen Sinne zu, sondern anteilsmäßig mehr und mehr auch auf Leistungen im medial-kommunikativen Bereich. Wie bei der nun folgenden Preisverleihung durch den Herrn Wirtschaftsminister gleich auch zu sehen und zu hören sein wird. Eines aber beim Stichwort „Prozess“ noch zum Schluss, ein Wunsch an die Adressen des Designzentrums und des Wirtschaftsministeriums: Wenn wir von Design als Prozess sprechen, so sieht man allerdings vom Prozesshaften des Geschehens zwischen Auftrag, Entwurf und Vertrieb in Design-Ausstellungen wie auch der heutigen noch herzlich wenig. Vorgestellt werden uns immer lediglich Ergebnisse (übrigens auch bei den Einreichungen in aller Regel). Spannend und für den Ausstellungsbesucher noch viel aufschlussreicher wäre es, demonstriert zu bekommen, WIE es zur Entscheidung für die Realisierung des Produktes und WIE es zum Ergebnis gekommen ist, was z. B. an Intelligenz, Investitionen und synergetischen Potenzialen aufgebracht worden ist, um gute, ästhetisch und wirtschaftlich nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Um zu Lilienthal zurückzukommen: Wir sehen hier die Designüberflieger nur nach der geglückten Landung. Noch spannender wäre es aber, auch ihre Startprobleme und deren Meisterung nachverfolgen zu können. Was Otto Lilienthal so definitiv übers Fliegen feststellte, trifft nämlich ganz genau auch aufs Designen zu: „Alles Fliegen beruht auf Erzeugung von Luftwiderstand, alle Flugarbeit besteht in Überwindung von Luftwiderstand.“
Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und im Namen der gesamten Jury beim Wirtschaftsministerium und dem Designzentrum Mecklenburg–Vorpommern für die Ehre, Ihnen in puncto regionale Designförderung auf unsere Weise nach bestem Wissen und Gewissen gedient haben zu dürfen. Viel Freude für Sie alle noch an diesem Nachmittag! Grund genug dafür gibt es.
|











