| Text für die Audioführung „4:3 / Design in der DDR“ |
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Ausstellung „4:3 – 50 Jahre italienisches und deutsches Design“ in der Kunsthalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2001
Eine gewisse Sonderstellung nimmt die Insel „Design in der DDR“ mit ihren rund 100 Exponaten ein, unmittelbar am Zugang zu den Themenbereichen auf der oberen Ebene. Eine Sonderstellung zum einen unter dem Aspekt, dass sich im Osten Deutschlands zwischen 1949 und 1989 Designgeschichte wie auch allgemeine Design-Orientierungen grundsätzlich von denen der Bundesrepublik Deutschland und überhaupt Westeuropas unterschieden. Dennoch sind von Fall zu Fall Analogien, ja auch erstaunliche Verwandtschaften mit westlichen Produkten zu entdecken. Andere Objekte hingegen überzeugen gerade durch ihre formal-ästhetische Souveränität. Ein Sonderfall ist der Ausstellungsteil „Design in der DDR“ auch deswegen, weil hier – obgleich auf denkbar engstem Raum – überhaupt erstmals im wiedervereinten Deutschland der Versuch unternommen wird, einen komplexen Einblick in 40 Jahre DDR-Designrealitäten zu vermitteln. Dass er bei weitem nicht komplett sein kann, versteht sich von selbst. So fehlen etwa Beispiele aus dem Investitionsgüterbereich. Verzichtet werden musste auch auf umfangreichere Reflexionen zum Verpackungs- und Kommunikationsdesign. Der Schwerpunkt der Objekt-Auswahl liegt absichtsvoll im Wohn- und Konsumtionsbereich – bieten sich hier doch besonders anschauliche und nachvollziehbare Vergleichsmöglichkeiten mit den Design-Entwicklungsprozessen und Produktkultur-Umbrüchen in der Bundesrepublik und Italien an. Zu sehen – und an einer Schallplattenwand sogar zu hören – sind zunächst einige durchaus überraschende Designklassiker der Nachkriegs-Aufbruch- und Gründerjahre der DDR. Besonders hervorhebenswert hier die für die damalige Zeit funktional perfekte und formschöne elektrische Koffernähmaschine „Freia“ aus Suhl, die legendären, von ehemaligen Bauhäuslern entworfenen Möbelkreationen aus Dresden-Hellerau oder auch die originellen Fotoapparate aus Sachsen und Thüringen. Bemerkenswert übrigens, wie neues sozialistisches Sendungsbewusstsein und Weltläufigkeit damals noch unschuldig Hand in Hand gingen: Einerseits die Enbleme der Planwirtschaft sogar auf den Bäuchen von Bierflaschen, andererseits eine Welle von Italien-Schlagern in Schelllack-Rillen des VEB Deutsche Schallplatten in Ostberlin gepresst... Dem aufmerksamen Betrachter wird auffallen, dass insgesamt Produkte der späten 50er und 60er Jahre tonangebend sind. Es war dies die Blütezeit der DDR-Produktkultur: nach dem Wegfall des Rationierungs- und Zuteilungsregimes im Einzelhandel – und schließlich nach dem Bau der Mauer. Von da an wurde seitens des Staates besonders intensiv in staatliche und kulturelle Souveränität und zugleich in erhoffte Weltgeltung investiert, auch bei der Erzeugnisentwicklung. Hierin einbezogen waren zunächst auch private mittelständische Unternehmen wie der DDR-Rundfunkgeräte-Pionier „Heli“ oder Hedwig Bollhagens legendäre „Werkstätten für Keramik“ in Marwitz bei Potsdam. Exemplarisch dafür stehen das erste Zwei-Komponenten Radiogerät der DDR, entworfen 1960 von Clauss Dietel und Lutz Rudolf, und das übrigens noch heute produzierte schwarze Mokka-Service im Stielgriff-Design aus den 50er Jahren. Unübersehbar bei manchen Ost-Produkten dieser Zeit auch die Orientierung an Gestaltungsphilosphien der HfG Ulm sowie am sozial ambitionierten skandinavischen Design. In jenen Jahren bis Anfang der 70er profilierte sich die aufstrebende sogenannte „volkseigene“ Industrie: Betriebe wie der „Bebo Sher“- Rasierapparatehersteller Bergmann-Borsig oder „Sternradio“ in Berlin, der Haushaltgeräteproduzent „Omega“ in Altenburg, das „Veritas“-Nähmaschinenwerk in Wittenberge oder der mit dem Zeichen „Barock“ auftretende VEB Bürochemie Dresden wurden zu über die Grenzen der DDR hinaus bekannten Markenfirmen. Mit beachtlichen Innovationen warteten aber auch traditionsreiche Glas- und Porzellanhersteller in Thüringen und Sachsen auf. Ein neues Jenaer Tee-Service der Leipziger Gestalterin Ilse Decho oder auch das weit über seinen allbekannten Mitropa-Marktauftritt hinaus verbreitete Gastronomie-Stapelgeschirr „Rationell“ aus Colditz, entworfen 1969 von Margarete Jahny und Erich Müller, verdienen besondere Beachtung. Vieles wurde nun auch von einer neuen Designer-Generation hervorgebracht, die insbesondere aus den vorzüglichen Hochschulen von Berlin-Weißensee, Halle–Burg Giebichenstein, Heiligendamm oder Schneeberg in die Industrie entlassen wurde. Einen besonders sichtbaren Aufschwung nahm damals die ostdeutsche Kunststoffindustrie. Aus ihrem Arsenal sind einige, durchaus priffige Massenartikel-Beispiele zu sehen, darunter das in kaum einem ostdeutschen Haushalt und in keiner öffentlichen Einrichtung fehlende „Meladur“-Behälterensemble von Albert Krause, seit 1960 in Millionen Stückzahlen produziert. In den 70er Jahren setzte in der DDR eine vehement zunehmende staatliche Koordinierung und Reglementierung des Designprozesses ein – verbunden mit einem 1972 erlassenen faktischen Verbot intensiver Produktwerbung. Im gleichen Jahr wurde als Design-Lenkungs- und Aufsichtsbehörde für Design und Designer in der DDR das „Amt für industrielle Formgestaltung“ (AIF) installiert. Originaldokumente und Publikationen dieser Institution werden in einem besonderen Abschnitt des Ausstellungsteils „Design in der DDR“ erstmals öffentlich gezeigt. Zu einigen allerdings auch positiv zu bewertenden Aktivitäten des AIF gehörte die Herausgabe der international angesehenen Fachzeitschrift „form + zweck“, die Einrichtung eines DDR-Designzentrums 1987 in Ostberlin sowie die Auslobung der seit 1978 jährlich vergebenen „Designpreise der DDR“ und der jeweils zu den Leipziger Messen verliehenen Produktauszeichnung „Gutes Design“. Sie wurde im Frühjahr 1990 zum letzten Mal vergeben – unter anderem an eine funkgesteuerte Tischuhr von Eurochron in Ruhla, die bis auf den heutigen Tag noch erfolgreich verkauft wird. Es gibt nicht viele solcher Erfolgsstorys ehemaliger DDR- Hersteller, -Marken und -Produkte in der Marktwirtschaft des Jahres 2000. Einige davon präsentieren sich, neben anderem, hier auf dem Podest des DDR-Ausstellungsteils. |











