| Bei Lichte besehen: Schmutz und klaffende Lücken |
|
|
|
|
Der Standort für ein repräsentatives „Haus des Lehrers“ im Ensemble des in den sechziger Jahren neu zu gestaltenden Berliner Alexanderplatzes konnte nicht sinnfälliger gewählt sein: justament an jener Stelle, wo sich dereinst das 1908 eingeweihte, aber 1945 den Bomben zum Opfer gefallene Lehrervereinshaus erhob. 25 Jahre lang herrschte in dem unter anderen von Hermann Henselmann projektierten und 1964 fertiggestellten neuen, zwölfgeschossigen Stahlbetonskelettbau mit der Kongreßhalle nebenan buntes Treiben. Und außen an der Fassade auch – auf Walter Womackas sieben Meter hohem und 125 Meter langem Mosaik-Wandfries, von den Ostberlinern lakonisch „Die Bauchbinde“ genannt, hinter der sich in der dritten und vierten Etage die Pädagogische Zentralbibliothek eingerichtet hatte. Darüber waren das beliebte Café und Restaurant des Hauses, weiter oben hatten Lehrer-Laientheater und -Kabarett ihr Domizil. Nach der Wende wurde das Gebäude seiner angestammten Funktionen entkleidet, heute ist es ein profanes „Büro- und Dienstgebäude“, so die Auskunft unten im heruntergekommenen Empfang. Der Etagenwegweiser tut kund, daß hier die Bezirksverordnetenversammlung Mitte von Berlin, interimsmäßig, Quartier bezogen hat, auch eine Reihe anderer Bezirksdienststellen und eine GmbH untergebracht sind und das städtische „Krankenblattlager“. Dort gehörten heute eigentlich auch die Entwürfe für Womackas Wandfries hin. Der ist nämlich krank geworden mit der Zeit, hinfällig im buchstäblichen Sinne: Seit geraumer Zeit von einem Sicherungsnetz umfangen, verliert er Stück um Stück seiner Millionen bunter Mosaiksteine aus Glas, Keramik, Emaille und Metall. Täglich aufs neue kann der geneigte DDR-Kunst-Sammler eine Handvoll von den Fußbodenplatten auflesen. Besonders an der schmalen Südseite klaffen oben zwischen der Stahlwerkergruppe und dem Kumpel-greif-zum-Pinsel-Motiv bereits unübersehbare Lücken. Und über allem liegt eine dicke, stumpfe Schicht von Straßen- und Industriestaub. Aber das Unübersehbare sieht keiner. Der Autoverkehr braust vorbei, auf Spurtreue bedacht (oder auch nicht), und die Freifläche um das Ensemble lädt längst nicht mehr zum Flanieren ein. An der Ostseite zur Karl-Marx-Allee hin – unter Friedensfahrern, dem uniformierten „Friedens-bewahrer“ und fröhlich im Reigen tanzenden Kindern – lösen sich im Sockelbereich ganze Mosaik-Flächen der ursprünglich weißen Verkleidung, die zur gelben Pinkelwand verkommen ist. Seit einigen Tagen jedoch finden das Bauwerk und sein buntes Schau-Werk dort oben wieder die Aufmerksamkeit von mehr und mehr Alexanderplatz-Gästen – paradoxerweise ausgerechnet nach Anbruch der Dunkelheit. Die beiden Bildhauereistudenten Ingeborg Lockemann und Sven Kalden von der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (an der Walter Womacka von 1968 bis 1988 Rektor war), sorgen nämlich noch bis gegen Ende des Monats dafür, daß der Fries wie zu DDR-Zeiten allabendlich wieder von den acht 1000-Watt-Scheinwerfern angestrahlt wird, die auf den Außenvitrinen am Haus des Lehrers immer noch installiert sind. Als „eine Kunstaktion der besonderen Art“ wollen sie dies verstanden wissen, „die den Umgang mit ideologisch belasteten DDR-Denkmälern thematisieren“ soll. In die von den beiden mühevoll restaurierten, lange verwaisten und demolierten Vitrinen haben sie einen unverhofften Schatzfund gefüllt: Das vor fast 30 Jahren im Keller des Hauses eingelagerte Arsenal von Mosaik-Ersatzstücken für die Ausbesserung möglicherweise auftretender Schäden am Fries. Die vier bunten Scherbelberge reichen freilich mittlerweile bei weitem nicht mehr aus, um die Löcher zu stopfen – wenn denn bei den Verantwortlichen überhaupt der Wille dazu vorhanden wäre. Zwar handelt es sich beim Haus des Lehrers und der Kongreßhalle am Alexanderplatz sogar um ein staatlich denkmalgeschütztes Architekturensemble, und nicht zuletzt auch darauf will die Kunstlicht-Kunstaktion der Weißenseeer Studenten hinweisen, aber weder von der Denkmalpflege ergriff ein Vertreter vor dem ersten „Licht an!“ am zurückliegenden Freitagabend das Wort, noch wurde ein Stadtpolitiker gesichtet. Nur der Landeskonservator reagierte im Vorfeld der Aktion: Er stoppte den beabsichtigten Abriß der Vitrinen Ende dieses Monats. Deren Stellflächen wollte das Bezirksamt Mitte an ein City-Toilettenunternehmen für Werbezwecke vermieten. (Kleiner Tip am Rande: stünden diese Botschaften nicht sowieso besser auf besagter „feuchten“ Rückseite des Hauses?) Rundum betrachtet, deutet alles darauf hin, daß mit dem Haus des Lehrers und der Kongreßhalle so weiterverfahren soll wie bisher seit der „Wende“: Konsequente Abnutzung mittels „Fahren-auf-Verschleiß“-Methode bis zur sowieso anstehenden totalen Neugestaltung des Alexanderplatzes. Aber das muß nicht all zu sehr verwundern oder empören: Ist doch die Ignoranz und Reichsbedenkenträgerei gegenüber moderner und jüngerer historischer Kunst am Bau seitens der Berufspolitiker und -beamten in Berlin West wie Ost längst notorisch, der Niedergang des HdL eben nur einer mehr. Und läßt sich doch zudem das „Kein Interesse“ heute so trefflich mit „Kein Geld“ etikettieren. Ein aktuelles Exempel dafür lieferte auch die Kulturausschußsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus Anfang dieser Woche. Da ging es nach langem Anlauf endlich einmal um die aktuelle Situation öffentlicher Kunst in der Hauptstadt generell und um „neue Konzepte zur Realisierung und Finanzierung von Projekten zur künstlerischen Gestaltung des Berliner Stadtraums“ speziell. Unter den eingeladenen „Anzuhörenden“ waren auch Vertreter des Berliner Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) und seines Kunst-am-Bau-Büros. Das hatte in den vergangenen Monaten wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß es bei der Realisierung baugebundener Kunstaufträge durch die öffentliche Hand in den letzten sechs Jahren einen stetigen, rapiden Rückgang zu verzeichnen gibt. Die nach wie vor geltende Berliner „Anweisung Bau“ für solche Projekte werde längst gezielt-systematisch umgangen. Zwischen 1990 und 1996, so der BBK, hätte bei insgesamt 180 öffentlichen Neubauten Kunst integriert werden müssen – bei jedoch nicht einmal einem Drittel sei dies wirklich geschehen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, werfe auch die erfolgte Bewilligung von Mitteln aus dem Fonds für Kunst im öffentlichen Raum beim Senator für Bauen, Wohnen und Verkehr ein bezeichnendes Licht auf die Situation in Berlin, das sich so gerne auch als Kunst-Hauptstadt der Republik spreizt: Betrug der jährliche Haushaltansatz 1979 hier (und damals ja nur für Westberlin) rund 3 Millionen Mark, so sei er 1997 für ganz Berlin auf mittlerweile 500.000 Mark geschrumpft. „Diese Summe liegt unter der Schamgrenze“, war bei der Anhörung selbst seitens der Kultursenatsverwaltung zu vernehmen, und auch, man müsse doch dazu kommen, wenigstens den gesetzlich vorgeschriebenen Anteil von Ausgaben für baugebundene Kunst an öffentlichen Neubauten (bis zu zwei Prozent der Gesamtbaukosten) zu erreichen. Dem setzten die PDS-Fraktionsvertreter hinzu – auf deren Initiative vor allem dieser Tagungsordnungpunkt im Kulturausschuß behandelt wurde – es müsse endlich auch über Kunstintegration bei Erweiterungs-, Um- und Ausbauten nachgedacht werden. Die schlichte Erhaltung von gefährdeter existierender, zudem denkmalgeschützter Kunst am Bau war hier gar kein Thema. Vielleicht vermag ja aber nun die Studenten-Aktion „Haus des Lehrers“ ein anregendes Schlaglicht zu setzen – auf die trüben Aus- und Ansichten am Alexanderplatz und anderswo.
(Beitrag für Neues Deutschland am 12. 02. 1997) |











