| Die Chance der Erneuerung genutzt |
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Die Jubelfeier in der Aula der Kunsthochschule Berlin-Weißensee am heutigen letzten Oktoberabend 1996 hätte überhaupt nicht stattzufinden brauchen, wenn es nach dem Trachten und Planen tonangebender Berliner Stadtpolitiker vor fünf, sechs Jahren gegangen wäre. Die hielten nach der Wende dieses Lehrinstitut für Freie und Angewandte Kunst als "hausgemachtes" der SBZ beziehungweise der DDR für ganz und gar entbehrlich. Öffnete doch die Wiedervereinigung nun für jedermann in West und Ost endlich die Tore der viel älteren und viel größeren und viel bedeutenderen und überhaupt schon immer und einzig freiheitlich-demokratischen Berliner Hochschule der Künste in Charlottenburg. Der kleine Ostberliner Bastard erschien flüssiger als das Wasser im Weißen See - überflüssig. Zumal der Ausbildungsschwerpunkt in den angewandten Bereichen wie Design und Architektur lag. Daß man da nicht lache. "Design-Ausbildung in der DDR? Die könnt ihr voll vergessen. Da fehlen euch 40 Jahre Film!", bemitleidete und belehrte 1991 ein evaluierender Experte aus dem Westen, der das mittlerweile nie gesagt haben will, global seine Dozenten-Kolleginnen und -Kollegen im Osten. Heute abend nun gibt sich Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen persönlich die Ehre, einer der Festredner zum 50jährigen Jubiläum der "Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Hochschule für Gestaltung" zu sein, wie ihr voller, wohlklingender Name seit Abschluß des Evaluationsprozesses lautet. Und auch zwischen den beiden Kunsthochschulen Berlins herrschen bereits seit geraumer Zeit nicht nur lauterer Wettbewerb und friedliche Koexistenz, sondern zuweilen kooperatives Klima. Im April dieses Jahres ist mit Rainer Ernst sogar ein ehemaliger HdK-Professor auf ganz ordentliche Weise gewählter Nachfolger des Nachwende-Amtsinhabers Alfred Hückler geworden, einem altgedienten und bei Kollegen wie Studenten hochgeachteten Weißenseeer Designdozenten, der zu DDR-Zeiten als undurchsichtiger Querdenker keiner Professur für würdig erachtet worden war. Er charakterisiert heute zurückblickend den erfolgten notwendigen Umbauprozeß in seinem Hause seit 1990 als durchweg positiv, als konsequent genutzte Chance: "Es ging bei der Evaluierung sehr bald gar nicht mehr darum, etwa unsere Ausbildung zurechtzurücken, die man nach genauerer Einsicht als hervorragend bezeichnen mußte. Vielmehr wurde danach gefragt: Was fehlt noch, was muß ergänzt, was muß erweitert werden? Nur in geringerem Umfang stand zur Debatte, was ausgetauscht oder abgeschafft werden mußte. Hilfe, Einflußnahme - auch Druck - und Zufluß von außen waren einfach nötig, um die fälligen Veränderungen an der Schule durchzusetzen, so sehe ich das heute". Und er fügt nachdenklich hinzu, dabei aus dem Fenster in der Bühringstraße hinausblickend: "Gerade nach diesen sehr produktiven Erfahrungen bin ich generell davon überzeugt, daß es ein schwerer Irrtum ist, zu glauben, irgendeine Hochschule könne allein aus sich selbst heraus wirklich erneuert werden." Daß es zur Umgestaltung kam und nicht zur Abwicklung oder zum hemdsärmeligen Anschluß an die HdK, zum Umdenken der Politiker, ist neben den seinerzeitigen Protesten der Studentenschaft und der Argumentationskraft der Hochschulleitung vor allem auch der Intervention namhafter Institutionen wie des Deutschen Werkbunds und Persönlichkeiten wie des inzwischen verstorbenen Schweizer Bauhäuslers Max Bill oder des Architekten Herbert Hirche (der seine Architekturausbildung von 1948 bis 1951 in Weißensee erfuhr) zu verdanken. Aber auch einflußreiche westdeutsche Industriedesigner wie der Ulmer Rido Busse setzten sich vehement für den Erhalt der Kunsthochschule ein, die sich seit ihrer Gründung unter dem 1946 noch gemeinsamen Berliner Magistrat einen besonderen Rang nicht erst und nicht nur in der späteren DDR erworben hatte. Bis in die Anfang Fünfziger Jahre hinein war sie eine der am konsequentesten das Bauhaus-Erbe schöpferisch aufhebenden Kunsthochschulen im Nachkriegsdeutschland, als Namen der Direktoren und Lehrenden standen dafür vor allem Mart Stam und Selman Selmanagic. Auch bereits Gründungsdirektor Otto Sticht, ein eher idealistischer "Durchreißer" als erfahrener Didaktiker und Konzeptionalist, setzte seine Kunstschul-Hoffnungen im sowjetisch besetzten Sektor Berlins "auf jenen Teil unseres Volkes, der bislang nicht genügend zu Wort kam und der das große Reservoire ist, in dem fortschrittliche Kräfte zur Verfügung stehen". Dieses von ihm beschworene künstlerische Vermögen sollte sich "auf den Anspruch der Massen" und den "dringendsten Bedarf des Tages" konzentrieren, auf die Herstellung "nützlicher Gebrauchsgegenstände", auf die "Auffindung und Ausnutzung neuer Mittel, Materialien und Methoden, die Ausdruck unserer Zeit sind", wie er 1947 in einer öffentlichen Rede unterstrich. 1953 wurde erstmals die Formgestaltung (heute sagt man "das Design") von Maschinen, Geräten und ganzen Produktionsanlagen als Ausbildungs-Gegenstand in die Hochschullehre aufgenommen. Damit war man in Weißensee anderen deutschen und europäischen Kunst- und Gestaltungshochschulen weit voraus, die sich noch fleißig fast ausschließlich in Stuhl-, Tisch- oder Küchengeräteentwürfen übten. Und während der stalinistische Formalismus-Krieg in der Malerei und Plastik, beim Bühnenbild und in der Architektur der DDR nicht nur künstlerisches Porzellan zerschlug, sondern auch scharenweise talentierte junge sowie unterrichtende "fortschrittliche Kräfte unseres Volkes" in die Flucht nach Westberlin und Westdeutschland trieb und erst unter Bert Hellers und Walter Womackas Rektoraten die Freien Künste in Berlin-Weißensee allmählich von ihren Fesseln entbunden werden konnten, bot die industrielle Praxisbezogenheit der Designausbildung kaum jemals Ansatzpunkte für "klassenmäßige" Disziplinierungen und "Säuberungen". Die Kunsthochschule Berlin-Weißensee entwickelte sich neben der Hochschule für Gestaltung in Halle-Burg Giebichenstein zu einer ihre Studenten mit bestmöglichem theoretischem und praktischem Rüstzeug versehenden DDR-Designer-Ausbildungsstätten. Ehemalige Absolventen und langgediente Kombinatsdesigner wurden nach der Wende als Chefgestalter beispielsweise beim AEG-, jetzt ADtranz-Schienenfahrzeugbau in Hennigsdorf oder bei der Deutschen Waggonbau AG in Berlin angestellt, andere heimsten inzwischen reihenweise öffentliche Designpreise ein, und die neue, "echte Nach-Wende-Designergeneration" aus Weißensee sieht sich zur Zeit von renommierten Unternehmen wie Grundig in Fürth oder MAN in München umworben. Wer sich vom zurückliegenden und vom neuen Leben an der vor fünf Jahren totgesagten Kunsthochschule ein Bild verschaffen will - die Ausstellungen "Mart Stam" und "Lebensläufe" sind ab heute abend in der Bührungstraße für jedermann zugänglich.
(Beitrag für „Der Tagesspiegel“ Berlin am 29. 10. 1996)
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