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Publikationen

Gütesiegel vom bösen Bruder PDF Drucken E-Mail

„Die Hannovermesse ’84 spiegelt die Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus und den verstärkten Druck, der durch die Reagan-Administration ausgeübt wird, wider.“ – So beginnt ein interner Informationsbericht für leitende Mitarbeiter der staatlichen DDR-Designbehörde „Amt für industrielle Formgestaltung“ (AIF) über den Hannoveraner Messejahrgang 1984. Nach dem propagandistischen Schuss auf den Klassenfeind, mit dem jeder „NSW-Reisekader“ obligatorisch in seinen Dienstfahrtprotokollen Stellung zu beziehen hat, darf sich der Verfasser nunmehr der sachlichen Auswertung des von ihm Gesehenen und Notierten widmen: „Wie bereits 1983 dominieren auf der Hannovermesse ’84 wiederum folgende Gebiete: technische Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik, Anwendung von CAD/CAM/CAE-Systemen in allen führenden Wirtschaftszweigen, systemerweiterte Integration und optimierte Anpassbarkeit von Handhabungs- und Robotertechnik. (...) Die Hannovermesse hat sich durch das wachsende Angebot von Forschungs- und Technologieergebnissen zum größten Markt der zukunftsträchtigsten Schlüsseltechnologien entwickelt.“

Ausführlich analysiert der Bericht „Tendenzen für Design“ im allgemeinen und im besonderen die Vergabe des iF-Signets „an 186 Firmen aus der BRD und 43 Firmen aus 12 anderen Ländern“. Für außerdem bemerkenswert hält der Beobachter aus der DDR, nachdem die Hannovermesse „seit mehr als 30 Jahren mit der Guten Industrieform e. V. hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Design für Einzelerzeugnisse und Erzeugniskomplexe fördert“, dass jetzt auch jene Designleistungen der Industrie gewürdigt würden, „die nicht nur dem Industrieprodukt allein gelten, sondern in gleichem Maße allen mit ihm zusammenhängenden visuell erkennbaren Maßnahmen wie Werbung, Präsentation, Ausstellungen, Architektur, Verkaufsräume, Geschäftspapiere u. a. (...) Mit dem Corporate Design Award der iF werden solche Unternehmen herausgestellt, die eine derartige umfassende Designkonzeption entwickelt und durchgesetzt haben.“

Es ist dies nicht der erste AIF-Messebericht aus dem Westen. Inoffizielle Orientierungsbesuche von Fachleuten aus dem Ostberliner Amt für industrielle Formgestaltung, meist im Gefolge von Industriezweig-Delegationen, gelten seit Jahren relativ regelmäßig neben Hannover auch anderen großen internationalen Industrie- und Handelsmessen in der Bundesrepublik. Keine andere aber wird so umfassend und detailliert analysiert wie stets die hannoversche. Sie ist für die Beobachter aus Ostberlin die Schaubühne des aktuellen westdeutschen und internationalen Designs schlechthin.

Mit jenem haben sich Entwürfe und Produkte aus DDR-Designateliers und -Betrieben zunehmend zu messen. Nachdrücklichst fordert ein Regierungsbeschluss von 1982 über „Maßnahmen zur weiteren Entwicklung der Formgestaltung in der DDR“ vom AIF und den Industriebetrieben, „langfristige Gestaltungskonzeptionen (...) zu erarbeiten und entsprechend den sich entwickelnden (...) Marktbedingungen zu aktualisieren“. Vor allem seien „Aufgaben zur Entwicklung von Markenerzeugnissen der DDR-Produktion aufzunehmen, mit denen neue Märkte erschlossen bzw. höhere Erlöse erzielt werden.“ 

„Höhere Erlöse“ meint im Klartext mehr Deviseneinnahmen, und so erhält die Präsenz von „weltmarktfähigen“ DDR-Waren auf internationalen Messen auch immer stärker Vorrang vor der ansonsten viel beschworenen „besseren Versorgung der Bevölkerung“. Wobei bis in die 80er Jahre hinein Hauptpodium für die Präsentation zeitgemäßen DDR-Designs der hauseigene internationale Messeplatz Leipzig ist. Jeweils im Frühjahr und im Herbst werden hier von 1978 an die weißen Meißner Porzellanplaketten der staatlichen Auszeichnung Gutes Design „für hervorragend gestaltete Erzeugnisse der DDR-Produktion“ an Gestalter und Hersteller verliehen – nach fast 15 Jahren „Auszeichnungspause“ für ostdeutsche Designqualität. 

Mitte der 80er Jahre dann scheint man im staatlichen DDR-Designmanagement aber sogar über den eigenen ideologische Schatten springen zu wollen: Ein Jahr nach dem zitierten „Lagebericht“ über die Hannovermesse und trotz „Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus“

beteiligen sich erstmals ostdeutsche Unternehmen offiziell am iF-Wetttbewerb – und nicht erfolglos. Das volkseigene Robotron-Kombinat, sozialistisches Multiunternehmen für so gut wie alles, was Elektronik in sich birgt, stößt 1985 gleich mit drei Druckern und einer portablen Elektronik-Schreibmaschine auf Gefallen bei den Juroren. Darunter auch der Thermodrucker robotron K 6304, der kurioserweise erst zwei Jahre später in Leipzig auch Gutes Design zugesprochen bekommt.

1986 ist es der Leipziger Leuchtenbaubetrieb des NARVA-Großkombinates, der mit zwei Serien von Tisch- und Ständerleuchten beim iF-Wettbewerb glänzen kann, 1988 darf sich ein Forschungsmikroskop aus Jena mit iF schmücken, und im letzten DDR-Existenzjahr 1990 landet der Eimerkettenschwenkbagger ERs 630 des Leipziger TAKRAF-Kombinates sogar einen Designvolltreffer unter den „Besten der Branche“. Mit gleichem Erfolg präsentiert der vormalige TAKRAF-Betrieb Kirow Leipzig GmbH zur Hannovermesse 1991 den Eisenbahndrehkran TELVAR 100, und ein – wie auch er – von ehemaligen TAKRAF-Designern entworfener Portaldrehkran aus dem brandenburgischen Eberswalde fasst zudem einen iF award ab. Später, 1995, soll es dem sich inzwischen realdesign nennenden und nunmehr viel kleinere Brötchen backenden Leipziger Designerteam übrigens noch einmal gelingen, iF-Ehren zu erlangen – mit einem ebenfalls erheblich kleineren Produkt allerdings, dem Ohrspülgerät D43 e des mittelständischen sächsischen Herstellers dantschke Medizintechnik GmbH.

Übrigens: der letzte Report eines AIF-Abgesandten von der Hannovermesse datiert aus dem Frühjahr 1988. Er kommt nun gänzlich ohne „politideologisches Schwänzchen“ vorn oder hinten aus und gleich mit dem ersten Satz zur Sache: „Die Dynamik der wissenschaftlich-technischen Entwicklung zeigt sich auf der diesjährigen Hannovermesse am deutlichsten in den innovationsträchtigen Schwerpunkten der Fachausstellungen und den Ausstellungskomplexen Microtronic; Intermatic; Optec; Internationales Zentrum für Anlagenbau; Energie-, Luft- und Umwelttechnik; Oberflächentechnik; Neue Werkstoffe. (...) Der Zusammenhang von Wissenschaft, Technik und Design als die auch künftigen schöpferischen Leistungsträger für Innovationen wurde auf dieser Messe besonders deutlich.“

Seltsamerweise verschweigt der Bericht, der auch diesmal die offizielle hannoversche Bewerber- und Auszeichnungsstatistik zitiert, dass sich unter den eingereichten „46 Exponaten aus 15 anderen Staaten“ auch solche aus der DDR befanden, selbst das bei iF erfolgreiche Jenaer Mikroskop lässt er unter den Tisch fallen. Aus konkurrenzstrategischen Gründen womöglich, vor dem Hintergrund der Jahrzehnte langen Messekonkurrenz zwischen Deutschland Ost und West, zwischen Leipzig und Hannover. Denn das AIF druckt Ende 1988, als eine seiner letzten öffentlichen Publikationen, in hoher Auflage ein A2-großes Faltblatt in deutscher, englischer und russischer Sprache, auf dem verkündet wird, dass nun auch der DDR-Wettbewerb „Gutes Design seit 1988 weltoffen durchgeführt“ werde. Eines der ersten ausländischen Produkte, das die internationalisierte DDR-Auszeichnung zur Frühjahrsmesse 1988 erhält, ist der EPSON- Personalcomputer PCAX – der aber schon 1987 in Hannover iF erhielt. Das mag beim AIF zu spät bemerkt worden sein. Stolz präsentiert vielleicht gerade deshalb besagtes Faltblatt nun die Urkunde für den auf der Leipziger Herbstmesse 1988 mit Gutes Design geehrten transportablen CD-Player D-88 Discman von Sony Japan. Der war in Hannover nicht ausgezeichnet worden.

 Leitungsinformation Nr. 4/1984, Amt für industrielle Formgestaltung

 als besonders prinzipienfest eingestufte DDR-Bürger ohne private „Westbeziehungen“, die im Dienstauftrag von Behörden, Institutionen und Betrieben in das „nichtsozialistische Wirtschafts- und Währungsgebiet“ reisen durften

 Beschluss des Ministerrates der DDR vom 8. Februar 1982

 Richtlinie des AIF über die Vergabe der Auszeichnung GUTES DESIGN vom 20. Juli 1978

 Zwar hatte bereits 1949 das Leipziger Grassimuseum auf Anregung des Weimarer Nestors modernen ostdeutschen Nachkriegsdesigns Horst Michel ein „Gütezeichen für Kunsthandwerk und Kunstgewerbe“ vergeben, dem von 1957 bis Mitte der 60er Jahre die staatliche Plakette „Gut geformt“ beziehungsweise die „Goldmedaille für hervorragende Formgebung“ folgten. Dann aber beendete man die Auszeichnungspraxis, die der Parteiführung unter Walter Ulbricht sowieso nie ganz geheuer war. Prämierte sie doch deren Meinung nach all zu oft Produkte modernen „kosmopolitischen“ und „formalistischen“ Zeitgeistes. Zudem war Produktkultur immer weniger ein Thema vor dem Hintergrund der immer mehr Überhand gewinnenden „Tonnenideologie“ in der ostdeutschen Volkswirtschaft bis in die 70er Jahre hinein.


(Beitrag für den Bild/Text-Band „50 Jahre iF“, Hannover 2003)