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Publikationen

Aus dem Leben in der Platte PDF Drucken E-Mail

Herr M., ostdeutscher Vorruheständler, zieht um – aus seinem elfgeschossigen Wohnblock des Typs WBS 70 in Berlin-Lichtenberg ein paar Regionalbahnstationen weiter ins Brandenburgische, nach Guben. In denselben Plattenbautyp wieder, aber vor kurzem „zurückgebaut“, in nett hergerichtetem Umfeld am beschaulichen Grenzflüsschen Neiße gelegen.

Beim Ausräumen der Schrankfächer fällt ihm ein illustriertes Heft in die Hände. „Ratschläge für die Neubauwohnung“, 1976 vom VEB Wohnungsbaukombinat Berlin herausgegeben: „Lieber Mieter! Zur Übernahme Ihrer Neubauwohnung beglückwünsche ich Sie im Namen aller, die das Haus gebaut haben, in dem Sie nun wohnen werden. Hauptdirektor Obering. Eugen Schröter“

Noch ein zweites ähnliches Druckerzeugnis kommt zum Vorschein, von 1985, als Herr M., mittlerweile leider geschieden, von Köpenick hierher nach Lichtenberg zog, in die ihm zugewiesene „Einzimmerwohnung mit Küche“. Da hatte die „breite Rationalisierung“ der Bau- und Ausstattungsprozesse ihre klotzigen Spuren mittlerweile auch in der Tonart der Kommunikation mit den Schlüsselempfängern hinterlassen: „Werter Mieter. Im Rahmen des umfassenden sozialpolitischen Programms der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik haben Sie eine Neubauwohnung erhalten. Durch richtige Pflege, Wartung und Unterhaltung können Sie wesentlich dazu beitragen, Ihre Wohnung und unser wertvolles Volkseigentum viele Jahre zu erhalten.“ Und so weiter. Peng. Gezeichnet: „Die Bauschaffenden des VEB Wohnungsbaukombinat Berlin“.

In Herrn M.s Kopf läuft ein Zeitraffer-Film ab. Wie und was die Bauschaffenden geschaffen hatten, konnte er seinerzeit in Köpenick bestens verfolgen. Sein Wohnblick aus dem neuen Wohnblock fiel, in welche Richtung auch immer ausgesandt, auf Baugelände. Wüstes zunächst, in hundertjährigen märkischen Kiefernbestand hineingeschlagen. Bagger buddelten, Kipper kippten, Flüssigbeton floss, Kräne kreisten, Wände wuchsen aus dem Kellergeschoss. Herr M. fuhr zu seinem FDGB-Urlaubsplatz in den Thüringer Wald, und als er nach vierzehn Tagen zurückkam, verstellte ihm gegenüber eine Fensterfassade die Sicht.

Nach zwei Jahren war die Gegend nicht wiederzuerkennen, das Wohnquartier fertig. Herr M. aber zuweilen auch. Wenn der Lift mal wieder nicht funktionierte und Abhilfe Wochen auf sich warten ließ („Die Aufzüge dienen dem Personenverkehr und sind als Selbstfahrer eingerichtet.“ – Heftseite 22), wenn aus der Wohnung unter ihm durch den schlecht abgedichteten Kabelschacht, der zu Herrn M.s Verteilerkasten im Flur führte, kalte Zigarettenrauchschwaden heraufzogen oder der Fernseher aus den Westkanälen nur ein verzerrtes oder gar kein Bild fischte (Heftseite 21: „Der Anschluss an die Gemeinschaftsantennenanlage bietet Ihnen einen störungsarmen, leistungsstarken Empfang der UKW-Sender des DDR-Rundfunks und der beiden Programme des DDR-Fernsehens.“)

Und da war die Sache mit dem „Installations- und Lüftungsschacht zwischen Bad und Küchen-Nassstrecke“ (Heftseite 9 von 1976). Hinter einer Wandklappe zur „Badzelle“ hin verborgen, zogen sich durch jenen die Rohrleitungen zur Wasser-Ent- und Versorgung. Letztere mit kaltem und warmem Ha-Zwei-O ausgestattet. Nur wurde das warme vom zentralen Heizkraftwerk so brühend heiß eingespeist, dass ihm die Rohrmuffen nicht lange standhielten. Die waren nämlich aus minderwertigem Schwarzeisen gegossen. Das mutierte zusehends (wenn denn die Wandklappe aus Glas gewesen wäre) zu absonderlichen Rostklumpengebilden, die alsbald ihr Dichtungsvermögen einbüßten. Folge: die „Ratschläge für die Neubauwohnung“- Fallschilderung auf Seite 16. „Bei Rohrbruch oder Undichtigkeiten an den Hauptleitungen im Schacht: sofort das Hauptabsperrventil im Keller schließen, den Hausbeauftragten informieren und die Reparatur veranlassen, die Mieter der angeschlossenen Wohnungen verständigen!“

Der Reparaturdienst kam, so bald er konnte, tauschte die in Mitleidenschaft gezogenen Rohre dank der praktischen Schacht-Baulösung im Handumdrehen aus und verband sie mit – verzinkten Muffen. „Nanu“, staunte Herr M. „Warum sind die nicht gleich beim Hausbau verwendet worden ?“ „Aber guter Mann“, antwortete milde lächelnd der Handwerker, „das ist Kontingent-Material. Das reicht mit Mühe und Not gerade so aus, um die Havarien zu beheben, aber nie und nimmer für eine generelle Installation!“

Wie Herr M. sich nun erst recht freut auf seine dritte neue Neubauwohnung, zurückgebaut in die Zeit der Moderne. Und natürlich – längst selbstverständlich geworden – auch wieder mit Telefonanschluss. Auf den hatte er vergeblich gewartet, solange er in der DDR lebte. Was sagt eigentlich der Neubauwohnungsratgeber von damals dazu? Einen einzigen Satz: „An der Abzweigdose für den Anschluss an das öffentliche Fernsprechernetz dürfen Sie nichts verändern!“ Herr M. schlägt das Heftchen zu. – Na eben: wie sah diese volkseigene Dose fürs Nichttelefon eigentlich aus? Total vergessen nach zehn Jahren.


 

(Beitrag f. IBV-Magazin IV/2000)