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Bügel? PDF Drucken E-Mail

„Den Bügel mitnehmen, oder kann der weg?“ Meine erste Anschaffung in einem Westkaufhaus, mein erstes Westhemd, meine erste Westreise vor 15 Jahren. Den Bügel mitnehmen? So ganz umsonst? Was für eine reiche, großzügige Gesellschaft. Nicht nur so schöne Plaste- pardon: Plastiktüten, sondern auch noch die Kleiderbügel gratis dazu. Und was für komfortable. Mit Rutschbremsbelag. Ich wusste bis jetzt gar nicht, dass es das überhaupt gibt.

Kleiderbügel – auch so eine Mangelware in meiner DDR. Eines von jenen vielzitierten „1000 kleinen Dingen“, die in jeden Haushalt gehörten, denen sich immer wieder beschwörende Parteipropagandakampagnen widmeten, die aber trotzdem niemals permanent verfügbar waren.

Aber wenn einmal doch, zufällig – dann in welch durchaus überraschenden Material-, Funktions- und Formvarianten plötzlich: das eine Mal der schlichte Holzbügel ohne oder mit Hosensteg, ohne oder mit Plastekragen um den Hals des Aufhängers. Das andere Mal der mit Baumwollstoffgestrick oder der mit geblümtem Wachstuch ummantelte. Dann wieder der zusammenklappbare Drahtbügel für die Reise (ebenfalls textilveredelt) oder der fahlfarbige Vollplastbügel als Errungenschaft der sozialistischen Chemieindustrie.

Nein, die Wahl zwischen all dem hatte man nicht. Man nahm eben, was man kriegte. Oder was sonst wie sich anbot. In Hotels zum Beispiel (ins Gewerkschaftsferienheim waren eigene Kleiderbügel mitzubringen). In den Herbergen aber waren die Bügel in der Regel auf dem an der Tür befestigten Zimmerinventarverzeichnis vermerkt: „2 Holzbügel o. Steg, 1 Holzbügel m. Steg“. Besser war, man brachte auch hierher mindestens einen eigenen mit. Weil die zu erwartenden sowieso nicht ausreichen würden. Oder auch weil man gelegentlich erst zu spät bemerkte, dass zwischen der Soll-Zahl der Inventarliste und dem tatsächlich vorgefundenen Bestand an Bügeln eine Lücke klaffte. Diese also vor der Abreise besser mit einem eigenen Bügel auffüllen als später womöglich des Diebstahls bezichtigt zu werden.

So viel Umstände machte man sich. Ein bissel psychopathisch schon. Denn: bedarf es doch eigentlich überhaupt nicht solchen Geräts, um ein Kleidungsstück aufzubewahren, es in Form zu halten. Der meistgebrauchte Bügel für meine Hemden, Westen und Jacken ist immer noch die Stuhllehne. Im Kleiderschrank zu Hause hat meine Frau bald nach der Wende, als wir es damals noch nicht fertigbrachten, auf die Bügel-Frage der Kassendame in der Konfektionsabteilung mit einem festen Nein zu antworten, eine große Plastiktüte mit Plastikbügeln deponiert. Die steht nun seit ewigen Zeiten schon dort – ohne dass ihr je ein Stück zwecks Nutzung entnommen worden wäre.

 Auch nicht, wenn sich meine Frau einmal im Monat über die Bügelwäsche her macht. Wissen Sie, wie die mit meinen endlich wieder geglätteten Oberhemden umgeht? Wir leben in einer schönen, großen Berliner Altbauwohnung mit so ganz hohen Flügeltüren und massiven Jugendstilbeschlägen dran. Ahnen sie etwas? Richtig, die Büglerin hängt ein Hemd übers andere am Kragenbund auf die ziemlich hoch angebrachte sperrige Messingklinke. Beim zehnten sieht es dann wirklich fast so aus, als hinge es auf einem Bügel.

Übrigens: Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass der Bügelhaken an sich schon ausschaut wie ein Fragezeichen?

 

(Glosse für das Begleitbuch zur Ausstellung „Bügel“ von Albrecht Ecke in der Berliner Werkbundgalerie 2003)