| Vom volkseigenen Bier zu Eurochron |
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DDR-Produktklassiker: Nicht bloß Ersatzspieler beim Bonner Turnier zwischen italienischem und deutschem Design aus fünf Jahrzehnten
Im Jahre 1999 tourte im Rahmen der „Designinitiative der deutschen Wirtschaft“ eine Ausstellung mit preisgekröntem aktuellen Produktdesign aus den neuen Bundesländern durch die Republik. Der Eröffnungsredner in Berlin, Mitherausgeber einer angesehenen hiesigen Tageszeitung, zeigte sich tief beeindruckt von den Exponaten: Nach dem Anschluss der ehemaligen DDR-Betriebe ans freie Wirtschaftssystem des Westens erweise sich nun, wieviele erstaunliche Gestaltungspotenziale dereinst in Planwirtschaftsbanden gefesselt gelegen hätten. Schäbig sei doch gewesen, was in 40 Jahren DDR-Ära an Produktkultur hervorgebracht worden wäre. „Oberflächengestaltung und Farbästhetik waren Fremdworte“, so sein DDR-Designgeschichtsbild, „Mittelmaß, Unsinnlichkeit und Murks“ und überhaupt „fehlendes Marken- und Marktbewusstsein“ wären die Warenzeichen ostdeutscher Erzeugnisse gewesen. Was den guten Mann nun in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle im Rahmen der Mammut-Schau „4:3 – 50 Jahre italienisches und deutsches Design“ an ostdeutschem Gestaltungsgut aus vier Jahrzehnten erwartet, dürfte ihm schwer zu denken geben. Zumal das Gros der ausgewählten Produkte nicht etwa Sonderanfertigungen für den Westexport oder für Intershop-Regale verkörpert, und auch nur wenige Gegenstände zählen zu den zwischen 1979 und 1990 mit „Gutes Design“ staatlich ausgezeichneten Vorzeigeerzeugnissen. Und doch sind es zumeist DDR-Designklassiker, die den Vergleich mit Ikonen westdeutscher und auch italienischer Alltagskultur nicht scheuen müssen – in hohen Stückzahlen und oft über Jahrzehnte hinweg produziert und in vielen Haushalten, Arbeitsstätten und öffentlichen Einrichtungen täglich und mit Freuden genutzt: Möbel aus den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau, Heli- und Stern-Radio-Rundfunkgeräte, so unverwüstliches wie farbenfrohes Plastgeschirr, Lausitzer Glas und Colditzer Porzellan, Erika-Schreibmaschinen, Bebo-Sher-Rasierapparate, Uhren aus Ruhla, Mehrweg-Getränkeflaschen... Stolz tragen die ersten nach 1945 neugestalteten Ostberliner Schnappverschluss-Bierpullen das Relief mit dem VEB-Enblem auf dem Bauch, und eines der letzten „echten DDR-Erzeugnisse“, das auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1990 die allerletzte Medaille „Gutes Design“ verliehen bekam, ist eine Ruhlaer Eurochron-Funkuhr – auch im Jahre 2000 noch ein Renner der heutigen Junghans-Tochterfirma. Übrigens: Viele der in Bonn gezeigten Dinge, zum Teil in den 60er Jahren entworfen, waren noch bis zu diesem Frühjahr in ostdeutschen Haushalten im Gebrauch, und die Leihgeber trennten sich nur für die Schau am Rhein vorübergehend von ihnen. Für so manches Ostprodukt gibt es offenbar auch bis heute keinen besseren und schöneren Ersatz.Günter Höhne
(erschienen in IBV Magazin 04/05-2000 unter anderem Titel)
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