| Lilienthal-Designpreis 2009 des Landes Mecklenburg-Vorpommern: LAUDATIO der Jury |
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(Autor: Günter Höhne) Sehr verehrter Herr Minister Jürgen Seidel, sehr verehrte Vertreter der Hochschule Wismar sowie des DesignZentrums Mecklenburg_Vorpommern, liebe Gäste, liebe Einreicherinnen und Einreicher, Nominierte (oder sogar in Bälde Preisträgerinnen und Preisträger) des Lilienthal-Designpreises und Förderpreises 2009. Ich darf Sie auch im Namen der Jury herzlich zu dieser Stunde mit ihrem festlichen Anlass willkommen heißen. Mir fällt die Aufgabe zu, in Vertretung des heute leider nicht anwesend sein könnenden Jury-Vorsitzenden Lars Quadejacob – Chefredakteur der Zeitschrift design report – ein paar wenige informierende und orientierende Worte zum diesjährigen Auswahlverfahren und dem Gesamteindruck der Jury zu sagen – und überdies etwas freundlichst zu bedenken zu geben für künftige Ausschreibungsverfahren dieses wahrlich traditionsreichen ostdeutschen Landes-Designpreises. Die Jury hat Anfang Juli in zum Glück kühlen Gemächern der Hochschule getagt – und sich hier auch nicht die Köpfe heiß reden müssen. Denn das Gesamtniveau der Einreichungen befriedigte sie durchaus, von Wirtschafts- und Kulturkrise kann jedenfalls keine Rede sein, was Selbstanspruch und erzielte Qualität vieler von Designateliers und Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern hier vorgelegter Arbeiten angeht. Und auch von Bildungs- und Sinnkrise weit entfernt sind jene Entwürfe, die uns aus Kunst- und Gestaltungsschulen des Landes als Förderpreis-Anwärter unter die Augen traten. Bei ihnen machte die Jury sogar einhellig manchen Top-Favoriten ihrer Preisgunst überhaupt aus. Dazu aber am Ende – also gleich! – noch ein Wort mehr. Summa summarum: Von den 62 Einsendungen zum Designpreis und zum Förderpreis erreichte es immerhin jede dritte – genau waren es 21 – , nominiert zu werden für die letzte Entscheidungsrunde zur Preisvergabe und mithin sich auf jeden Fall in der diesjährigen Ausstellung öffentlich präsentieren zu dürfen. Wenn Sie so etwas wie ein Gesamturteil hören möchten: Was wir beispielsweise bemerkenswert fanden: wie sich der Wettbewerb der seit 20 Jahren im Lande neu gegründeten verschiedenen Kunst- und Grafikschulen (Schulen hier durchaus im doppelten, also auch im künstlerisch-profilhaften Sinne gemeint) in der Breite und Vielfalt achtbarer Ergebnisse auszahlt. Nicht nur anhand von Arbeiten aus diesen Schulen selbst, sondern nunmehr auch in Atelier- und Freiberufler-Resultaten einstiger Absolventinnen und Absolventen, mitunter nun bereits seit Jahren selbstständig tätig. Auffällig hierbei besonders die komplexe, konsequent bis in letzte Details gehende inhaltliche und künstlerisch sensible Herangehensweise bei der Lösung von Aufgaben im Bereich Kommunikations-, Unternehmenspräsentations- oder auch Ausstellungsdesign. Für mich persönlich mittlerweile ein typisches Markenzeichen nordostdeutscher Publicdesign-Kultur. Ich wünschte mir freilich, dass zum Beispiel die Kommunalbehörden und Tourismusförderer des Landes diese Potenziale gescheiter und mutiger nutzen würden. Eine weitere Anmerkung: Es scheint so, dass Mecklenburg-Vorpommern eine ganz spezifische Ideenschmiede geworden ist, was die Integration technischer und gestalterischer Intelligenzpotenziale auf dem innovativen IT- und Medizingerätesektor betrifft. Als nun bereits mehrfaches Jurymitglied entsinne ich mich kaum einer Ausschreibungsrunde, in der nicht ein Vertreter dieser Disziplinen unter den Preisanwärtern gewesen wäre, so auch diesmal. Und: immer wieder ist es der Naturrohstoff Holz, der hier oben zwischen Boizenburg und Usedom überraschende Gestaltungsimpulse in Architektur und Design auslöst. Auch davon legen Einreichungen zum diesjährigen Landesdesignpreis wiederum Zeugnis ab. Ich hatte eingangs einen Vorschlag der Jury angekündigt. Er hat seinen Ursprung in einer besonderen (aber nicht erstmaligen) Erfahrung, die wir bei der Begutachtung des Lilienthal-Designpreis-Jahrgangs 2009 gemacht haben. Wir waren uns in einem vollständig einig: Einige der beeindruckendsten Kandidaturen für einen Preis oder eine Anerkennung kamen auch diesmal wieder aus dem so genannten Nachwuchsbereich. Unsere Empfehlung: Überdenken wir doch den Preisgeld-Modus für künftige Ausschreibungsjahrgänge. Warum nicht eine gemeinsame Summe für die Design- und die Förderpreise ausweisen und diese den jeweiligen Spitzenleistungen entsprechend – ungeachtet dessen, ob sie Absolventenarbeiten sind oder solche gestandener Gestalterinnen und Gestalter – zueignen. Ihnen im Vertrauen gesagt: Die Jury hätte diesmal sehr gern das gesamte Budget den Förderpreisträgern in die Hände gedrückt und den (wohlverstanden hoch verdienten!) „großen“ Designpreisträgern umso herzlicher allein die Trophäe und die Urkunde. Denn mal ehrlich: Wer hat die Pinke-Pinke denn wirklich am nötigsten – als Startkapital nämlich? Und die Jury kann sich nicht vorstellen, dass die Arrivierten den Newcomern das neiden würden. Jury-Kommentare Lilienthal-Designpreis: Preisträger Baltic College-University... Mit dieser bildlich wie buchstäblich „aus dem Rahmen fallenden“ und zugleich vorbildhaft disziplinierten, konsequenten Umsetzung eines visuellen Hochschul-Auftritts präsentiert Annette Brandstäter von der Jakota Design Group in Rostock das Musterbeispiel einer gesamtheitlichen, schlüssigen Verbindung von Corporate Identity und Corporate Design, einer in sich geschlossenen wie funktionell für Weiteres offenen komplexen Gestaltungslösung im Bereich Kommunikationsdesign. Kultivierte bildhafte Argumentation und sympathische textliche Sachlichkeit – dabei nicht ganz ohne Augenzwinkern – werben für eine Hochschule mit hohem Niveau-Versprechen. Hepalbin-Absorber... Das weltweit neuartige medizinische Gerät aus Rostock mit einer großen Bandbreite beim Einsatz in Infusionssystemen, insbesondere für Patienten mit Leberversagen, ermöglicht das Herausfiltern der benötigten Hilfsstoffe Oktanoat und N-Acetyl-Tryptophanat aus der pharmazeutischen Humanalbumin-Lösung unmittelbar vor oder auch während der Anwendung am Menschen in sehr kurzer Zeit. Das ungewöhnliche Gehäusedesign mit seiner innovativen Fügetechnik wird mehreren hoch komplizierten Anforderungen an die komplexe technische Lösung gerecht, so u. a. dem Einsatz bei bis zu 2 bar Innendruck, guter Strömungsverteilung am Einlass durch eine Prellfläche und strömungsoptimierter Auflage der Adsorbermatrix am Gehäuseboden. Der wirtschaftliche 50 ml aufnehmende Adsorber kann bei einem Bedarf größerer Volumina mit weiteren kombiniert werden. Das perfekt geschaffene Ingenieurdesign dieses Medizinproduktes der Klasse II a von Matthias Suraj für die Albutec GmbH ist zudem besonders service- und umweltfreundlich konzipiert und übermittelt mit seiner ungewöhnlichen, beinahe spielerisch anmutenden Gestaltung auch dem Patienten positive Wahrnehmungssignale. Deutsches Bernstein-Museum... Gestaltungskonzepte für ständige Ausstellungen in Museen erfordern nicht nur die schlüssige Bündelung vielfältiger räumlicher, informatorischer, empirischer, ästhetischer, Orientierung und Bildungsgenuss stiftender Komponenten, sondern die gefundene Gesamtlösung muss – anders als z. B. bei temporären Sonder- und Gastausstellungen – auf lange Zeit Bestand haben können und dabei doch gleichzeitig auch zu wiederholtem Besuch verlocken. Eine höchst anspruchsvolle Gestaltungsaufgabe, die das gesamte Spektrum moderner Designpraxis umfasst: von der Raum-Konzeption über die ästhetisch und zugleich konservatorisch-restauratorisch stimmige Innenausstattung, vom sich hier einfügenden Kommunikationsdesign über die Licht- und die Farbgebung, mündend in einer konsequenten Gesamtdramaturgie. Im besten, dialektischen Falle nimmt diese den Museumsbesucher zwingend ein – und doch spürt der dabei nichts als pures Wohlbehagen. Das Gestalterteam Polkehn/Meyer erreicht genau dies mit seinem großen Entwurf für das Deutsche Bernstein-Museum in Ribnitz-Damgarten. Jury-Kommentare Lilienthal-Preis: Anerkennungen Webseite www.fhf-rostock.de Im Jahr 2006 war die Lilienthal-Designpreis-Jury einhellig tief von einer Image-Kampagne zu 15 Jahren Frauenhaus in Rostock beeindruckt, und Annette Brandstäter von der Jakota Design Group erhielt für ihre Gestaltung von Plakat, Broschüre und weiterem einen Hauptpreis. Zum diesjährigen Landes-Designwettbewerb reichten Auftrageber Frauenhaus Rostock und die Gestalterin einen weiteren Beitrag zum gleichen Thema ein, diesmal nun in Gestalt der aktuellen Webseite des Rostocker Vereins Frauen helfen Frauen. Jedermann und Jedefrau sollte einmal www.fhf-rostock.de aufrufen. Und schauen Sie dann magisch angezogen, was hier unter anderem bei jedem neuen Klick aus jenem einen Motiv entwickelt wurde, das im Urteil der Jury vor drei Jahren so geschildert wurde: „Die Gestaltung der Bildlösung (eines Gesichts) unter Einbeziehung der Porträts ehemaliger Bewohnerinnen des Rostocker Frauenhauses führt zu einem von allen Beteiligten mit geformten Antlitz als metaphorischem Ausdruck gemeinsamer Konfliktbewältigung und zugleich Sinnbild lebenswichtiger Anonymität einerseits und verletzter Individualität andererseits.“ Tiefe Anerkennung für die kreative Kontinuität in Rostock – beim Verein und seiner Designpartnerin. Photovoltaik-Anschlussdose Warum ein Ding gestalten, das für die Allgemeinheit sowieso nicht wahrnehmbar und nur für Techniker und Monteure interessant ist – um von ihnen dann so gut wie unsichtbar in ein technisches Netzwerk eingebaut zu werden? Nein, das Design von Geert Maciejewski für die Photovoltaik-Anschlussdose ASD M aus Greifswald verkörpert keine ästhetische Spielerei oder Liebhaberei, sondern verfolgt (und erreicht) ganz praktische Ziele: es trägt zur Optimierung von Gebrauchseigenschaften wie Transport- und Lagerungsmöglichkeiten, Gewichtreduzierung und besserer Handhabung bei der Montage bei. Und es spricht als technischer Gebrauchsgegenstand diejenigen an, die mit ihm umzugehen haben: Handwerker, Monteure, Spezialisten. Es sagt ihnen: Ich habe mich für euch fein und nützlich gemacht, ich bin genauso gediegen wie das, was ihr tut. Gute Arbeit verdient vernünftiges Material und Werkzeug. CNC-Fräsmaschine Eine hölzerne CNC-gesteuerte Fräsmaschine zur Holzbearbeitung – das ist eine Premiere im Maschinen- und Werkzeugbau, und sie kommt von einem Unternehmen aus Wismar, das auch noch am Alten Holzhafen seinen Sitz hat. Gedacht und gemacht ist das Werkzeug zum gelegentlichen Einsatz in kleineren Tischlereibetrieben und Schreinereien, für welche die sonst üblichen vollständig aus Stahl hergestellten und für den Dauerschichtbetrieb konzipierten Fräsmaschinen oft zu überdimensioniert und auch zu kostenaufwendig sind. Ein besonderes Extra dieses außergewöhnlichen Ingenieurdesigns von Ralf Bernhardt: Erstmals ist hier ein neuartiger Vakuumtisch integriert, der ein partielles Auflegen von Materialien ohne Saugverluste und zeitaufwendiges Spannen ermöglicht. Jury-Kommentare Lilienthal-Förderpreis: Preisträger Schrift Tilia Mit dem weltumflutenden digitalen Kommunikationsverkehr des angebrochenen dritten zivilisatorischen Jahrtausends versinkt zusehends eine noch viel ältere, Hunderte von Generationen bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder neu prägende Kultur: die der Kalligrafie, des handschriftlichen Informations- und Gedankenaustauschs. Tobias-David Albert war dies ein Anlass, sich in seiner wissenschaftlichen und praktisch-typografischen Diplomarbeit mit dem historischen Beziehungsgefüge von „Schrift für unsere Hände“ (Handschrift) und „Schrift für unsere Augen“ (Lese- oder Textschrift) tiefgehend zu befassen. Die von ihm in diesem Kontext zudem für das daraus entstandene Buch geschaffene Schrift „Tilia“ versinnbildlicht den Dialog des Gestalters zwischen Auge und Hand, die Synthese von Werkzeugen, Geschichte und Gegenwart. Eine beeindruckende Mahnung generell zum schöpferischen Aufheben von Kultur, gegen um sich greifende Tendenzen grafischer Umweltverschmutzung in unserer hoch technisierten Informationsmarktgesellschaft. Kess Fastfood, Fingerfood, Coffee to go sind weiter im Vormarsch, längst dürfen nicht nur Kinder, sondern wollen auch die Großen und die ganz Großen (Manschetten-, Schlips- und Kragenträger) mit den Fingern im Stehen und Gehen essen. Daniela Abendroth hat ein Porzellangeschirr namens Kess entwickelt, das in seinen Dimensionen und Formen auf diese neue gesellschaftliche und gesellige Verzehr- und Kommunikationskultur eingestellt ist. Die Tellerchen sind so geformt, dass sich dass Aufschieben der Häppchen wie von alleine macht, ohne Besteckhandhabung. Getränke, ganz gleich welcher Art, werden von einer einzigen Art gut handhabbarem Porzellanbecher aufgenommen, die Suppenschale ist so entwickelt, dass man aus ihr nicht nur löffeln, sondern auch schlürfen und trinken kann. Und wem das alles denn doch nichts ist, der darf sich immer noch auch mit einem großen Teller bewaffnen, um ihn vollzupacken. Und da das Ganze sich zudem, bei aller asymmetrischen Anmutung der Einzelteile, vortrefflich stapeln lässt, darf gehofft werden, dass „Kess“ tatsächlich Eingang in die Gastronomie findet. Lady Lav Die Gestaltungsanfrage kam von der Flugzeugindustrie: wie könnte ein Lavatory speziell für weibliche Fluggäste aussehen? Und in der Tat: allenthalben sind öffentliche Toiletten nach Geschlechtern getrennt, nur in den Verkehrsmitteln nicht. Dabei ist während einer ausgedehnten Zugreise oder eines Langstreckenflugs für Frauen und Mädchen der Gang „dorthin“ von größerer Bedeutung, als nur sich zu erleichtern. Frischmachen, Frisieren, Umkleiden oder auch das Wickeln eines Babys sind Bedürfnisse, die bislang außer Acht geblieben sind. Kerstin Strelow hat sich diesem gestalterischen Problem – ausgehend von Standards des europäischen Kulturraums – bis ins kleinste Detail gestellt. Kernpunkte des komplexen, völlig neuartig bedachten Entwurfs ist die Trennung der Funktionsbereiche mittels einer intelligenten Raumgeometrie und -atmosphäre. Auch Details wie der höhenverstellbare Waschtisch oder eine ausziehbare Wickelauflage sind perfekte funktionale und gestalterische Lösungen. Entworfen sind sie konkret für den Einsatz in definierten Airbus- und Boeing-Flugzeugtypen. Die weiblichen Fluggäste werden darauf fliegen! Jury-Kommentare Lilienthal-Förderpreis: Anerkennungen Regentrude Unter den eingereichten druckgrafischen und illustratorischen Leistungen Christin Hubers nahm die Gesamtgestaltung für das Buch „Die Regentrude“ von Theodor Storm die Jury besonders ein. Buchkultur, Verlagsausstattung, Plakat und Werbemittel dazu überzeugen durch ihr sensibel abgestimmtes bündiges Konzept. Die durchgängig feine grafische Kultur, gleichsam schwebend getragen von Einflüssen sarkastischer Comic-Bildsprache einerseits und klassischer poetisch-realistischer Illustrationskunst andererseits, hebt sich wohltuend aus einer allgemeinen wohlfeilen Buchpräsentationspraxis hervor. 4 Schmuckreihen Aus einer vierteiligen, intellektuell und ästhetisch sehr anspruchsvollen Schmuckkollektion von Franziska Podszuck stachen für die Jury besonders die Reihen „Genius loci“ und „R. M. Rilke“ heraus. Die beiden Broschen „Genius loci“ bestehen aus gefaltetem Goldblech, das über Silberblech schwebt. Während die eine sich flach und geschlossen zeigt, bietet die andere sich geöffnet dar. Dabei verwandelt sich das Edelmetall in seiner Konfiguration gleichsam in einen anderen Aggregatzustand, kann mit seinen unterschiedlichen Lichtreflexen gar die Ausstrahlung geschliffener Edelsteine annehmen. Die Intention für die Broschen „Rilke1“ und „Rilke2“ kamen der Gestalterin beim Lesen des Gedichtes „Schwestern“. Beide silberne Schmuckstücke interpretieren die zweite und dritte Strophe und nehmen kalligrafisch Zitate daraus auf. Eine hochkultivierte Arbeit, von deren tiefer literarischer Bezüglichkeit allein die gebildete Trägerin weiß – und diese Kenntnis wohl auch nicht unbedingt jedermann preisgeben muss. (Autor der Kommentare: Günter Höhne) |











