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Publikationen

Vom geheimen Leben der Architektur PDF Drucken E-Mail

Lutz Brandts neue Bilder in der Potsdamer Galerie Am Neuen Palais

 

Sein Signum ist ein großes B in einem Kreis und zu entdecken an rund dreißig Orten allein im öffentlichen Raum Berlins. An dem buchstäblich „verrückten“ Giebelwandbild „Reflexion“ Eingangs der Warschauer Straße (1979/80 geschaffen, ohne bis heute etwas von seiner Faszination eingebüßt zu haben) findet man es, an Schulen in Kreuzberg und Charlottenburg, neuerdings im KulturKaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße und – noch ganz frisch – im gerade fertiggestellten Wandbild für die neue Wohnanlage Karlstraße in Köpenick. Das B steht für Brandt – Lutz Brandt, einen eher leisen der Realisten unter den Berliner Malern und Bildhauern, gleichwohl einen der regsten, eigen- und hintersinnigsten. Vor kurzem ist er klammheimlich sechzig geworden, und da überredeten ihn Freunde: Mach doch mal eine Werkschau deiner Sachen, die du in den letzten Jahren im Atelier, nicht an Häuserwände, gezeichnet und gemalt hast. Es ist doch zu schade, daß nur wir die kennen!

Nun sind rund vierzig in der engagierten privaten Potsdamer Realismus-„Galerie Am Neuen Palais“ von Jürgen Oswald zu sehen: So das 1990 in nur zwei Wochen geschaffene mannshohe und zwei Meter breite, den Vereinigungsrausch persiflierende Gemälde „Macht das Tor auf; Käthe K. am Brandenburger Tor“ oder die nur aus Kinnspitze und allbekannter Streifenkrawatte bestehende „Nahaufnahme Erich H.“ als ein auf Leinwand gebanntes fiktives monumentales, abblätterndes Wandbild-Stück. Daneben irritierend originalgetreue „malerische Abnahmen“ von Mauerputzwerk und Außentüren mit eingeritzten Botschaften, von graffitibedeckten Plakatwänden und (noch) „unbeschriebenen“ Fahrstuhltüren in Agadir, Bangkok, Florenz, Venedig oder New York City. Dazu traumhafte Stilleben von Architekturfragmenten, Abbruch- und Aufbruchsanekdoten etwa vom Potsdamer Platz („Das Esplanade-Projekt“, „Die rote Box“, 1996), aber unter anderem auch von der Insel Rügen („Haus in Saßnitz“, „Investor gesucht“, „Windrad gestorben“, 1994).

Eben ein solches Rügener Bäderstil-Sujet („Nachdenken über Haus Aegir“, 1980) und die Giebelwand an der Warschauer Straße waren die letzten beiden Werke Lutz Brandts, die je in einem DDR-Kunstausstellungskatalog erschienen – in dem der IX. Dresdener 1982/83. Im Jahre 1984 nämlich blieb der im Auftrag des staatlichen Kunsthandels nun auch in Westberlin öffentliche Bau-Kunst und damit Devisen (be)schaffende Maler und Bildhauer „ab“. – Nein, nicht im Grimm oder aus Nichtselbstverwirklichungs- oder gar Verfolgungsnot heraus, sondern einfach, wie er sagt, „weil das sich eben so entwickelt hat“: dieses vorher nicht gekannte Gefühl, als Künstler Denk-, Bewegungs- und Handlungsfreiheiten zu genießen, ohne Rechtfertigungsdruck, Staatsandienerei und Ausreiseerlaubnis-Prozeduren.

Um die bewegte Biographie und das vielgestaltigen Werk Lutz Brandts wissend, mag jenes statische B im geschlossenen Kreis als Markenzeichen für den Künstler nicht so recht adäquat anmuten. Aber es steckt mehr dahinter, Ambivalenz. Als gelernter Maurer, dann an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei dem Bauhäusler Selmanagic ausgebildeter Architekt und zur Malerei konvertierter Womacka-Meisterschüler war und ist der Wanderer zwischen so manchen Welten bis heute doch immer seinem „Bau“-Sujet und einem bis in die perspektivische Perfektion hinein kompromißlos qualitätsbesessenen Realismus treugeblieben. Die zahlreichen interdisziplinären (eben nicht undisziplinierten) Ausflüge des phantastisch realistischen Malers über alle seine schöpferischen Jahrzehnte hinweg etwa in die Film- und Theaterausstattung, Bauzaun-, Landschafts- und Produktgestaltung (auch drei Jahre Designstudium hat er dereinst in Weißensee bei Högner absolviert), offenbaren uns einen Aus-dem-Kreis-Springer, der doch stets wieder zu seinem Mittelpunkt zurückfindet: eben der Lust am Spiel mit der und an der Architektur, die unter seinen Händen hier ein geheimes, dort ein unheimliches und ein andermal wehrlos der Vergänglichkeit ausgeliefertes Eigenleben offenbart.

Davon legen auch die neuen Bilder auf vertraute, fesselnde Weise wieder Zeugnis ab. Und in einem vom großen Ausstellungssaal abgehenden kleinen Séparée erwartet den alten Brandt-Fan dann obendrein ein kleines Nostalgie-Augenfest: Unter den hier versammelten Skizzenzetteln, Entwürfen, Werbegrafiken und Fotografien auch aus weiter zurückliegenden Jahren begegnen ihm noch einmal jene herrlichen Trabant-Mutanten der Siebziger mit ihren genetischen Anleihen von amerikanischen Straßenkreuzern, die seinerzeit als meistverkaufte Kunsthandels-Poster der DDR so manche FDJler-Bude zierten. Bis die Offiziellen der tüchtigen Zwickauer Sachsen-Ringer um den Preis „Lauteste Pappe der Welt“ bei Partei und Künstlerverband energisch Einspruch gegen „die Verunglimpfung“ ihres Spitzenproduktes einlegten.

Lutz Brandt konnte das verschmerzen. Hatte ihm doch einige Zeit zuvor eine wirkliche Kompetenz, kein geringerer als der weltberühmte mexikanische Wandmaler Davis Alfaro Siqueiros, bei einem Besuch der Kunsthochschule Berlin-Weißensee das schönste Zeugnis fürs Talent zum Mummenschanz ausgestellt. Befragt, was ihn denn besonders beeindruckt habe, antwortete Siqueiros ohne zu zögern: „Die Ausgestaltung eures Studentenfaschings!“ Und die lag in Lutz Brandts Händen.

(Die Ausstellung „Lutz Brandt – Zeichnungen, Malerei“ ist noch bis zum 11. Oktober in der Galerie Am Neuen Palais, Am Neuen Palais 2A (Nähe Bahnhof Potsdam-Wildpark) mittwochs bis freitags von 14 bis 18 Uhr und an den Wochenenden von 13 bis 18 Uhr zu sehen.)

 

(Rezension für „Neues Deutschland“ 1998)