| Grenzgänger Vogenauer |
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Vom Starphilosophen Peter Sloterdijk stammt das Bonmot, Museen seien Stätten der „Entsorgung nach oben“. In der Tat: was dort landet und auf gehobenem konservatorischen Niveau deponiert ist, bleibt zunächst einmal vor dem Zerstreuen in alle Winde zeitgenössischer Oberflächlichkeit bewahrt. Oft aber „bleibt“ es auch wirklich dabei. Was in Folgezeiten aus dem Fundus an die Oberfläche, in Ausstellungsvitrinen gelangt, also dann und wann kurzfristig produktiv nach oben entsorgt wird, ist erfahrungsgemäß herzlich wenig. Die Depotverwalter allein wissen noch, welche Schatzkammern sie unter sich haben. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatte nun das Leipziger Grassimuseum die famose Eingebung, einige seiner attraktivsten Neuerwerbungen vor deren Deponierung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Seit Ende Oktober gewährt jetzt auch das Designmuseum Sammlung industrielle Gestaltung in Berlin-Prenzlauer Berg, hervorgegangen aus der einstmaligen riesigen Designsammlung des DDR-Amtes für industrielle Formgestaltung, Einblicke in jüngste Schenkungen, bevor diese demnächst in der Depotversenkung verschwinden werden. Neben Objekten, die durch eine seltsam-dröge Präsentation eher verloren als geschenkt wirken, sowie einer den Betrachter in mehrfacher Hinsicht erschlagenden Sammlung übereigneter Propaganda-Plakate der Siebziger- und Achtzigerjahre erweist sich als von ganz herausragender Bedeutung ein außerordentlich überraschendes, ungeahnt vielfältiges Konvolut – die Werkschau eines äußerst bemerkenswerten Gestalters: der Nachlass von Ernst Rudolf Vogenauer. Vogenauer, von der deutschen Designgeschichtsschreibung fast völlig vergessen, lebte von 1897 bis 1969 und war, geborener Münchner, seit 1920 Berlin-Tempelhofer. Als sensibler, herzenswarmer Lehrer bis heute im Gedächtnis geblieben ist er noch manchem mittlerweile selbst betagten Absolventen der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee, an der Vogenauer als vielseitiger Grafiker, Keramik- und Holzspielzeuggestalter von 1946 bis 1962 Dozent war. Erstmals wird nun in der Berliner Ausstellung ein repräsentativer Querschnitt durch sein vielseitiges gestalterisches Schaffen gezeigt, ergänzt durch aufschlussreiche Zeitdokumente. Vogenauer war ein Grenzgänger, sowohl zwischen Ost und West als auch zwischen Gestaltungsdisziplinen. Ein Grenzgänger nicht nur als „Pendler“, sondern auch im Sinne von überzeugter Grenzverletzung. Als System-Pendler beargwöhnt wurde er von den kalten Kriegern in West- wie Ostberlin. Als Verletzer der kulturpolitischen Linie der SED, die Künstler und Gestalter in der damaligen DDR gegenüber einem „dekadenten Formalismus“ abgrenzen sollte, kam er wiederholt in Weißensee unter ideologischen Beschuss. Wenn die Parteibonzen auch noch gewusst hätten, dass dieser Vogenauer gleichzeitig die erste Luftpost-Briefmarke für die DDR und das Bundespost-Standardpostwertzeichen mit dem Heuss-Porträt entwarf! Breiter bekannt in Gestalterkreisen wurde Ernst R. Vogenauer, dessen Œuvre vom Theaterplakat und Inflationsgeld der Zwanzigerjahre bis zu bezaubernden Keramiken und phantastischen Spielzeugentwürfen in den Fünfzigerjahren reicht, Anfang der Sechzigerjahre durch die Gestaltung eines so schmalen wie anregenden Heftes, das vom Ostberliner Institut für angewandte Kunst in den Bauhausfarben herausgegeben wurde und schlicht „Spielzeug“ heißt. Reste der damaligen hohen Auflage sind an der Kasse zur – was den Vogenauer-Nachlass betrifft – unbedingt sehenswerten, facettenreichen Ausstellung in der Sammlung industrielle Gestaltung immer noch (oder auch wieder) zu haben. (Rezension für Design Report, 2005)
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