Bauhaus in Chicago

new bauhaus
50 Jahre Bauhausnachfolge in Chicago
Ausstellung im Bauhaus-Archiv Berlin (West)
vom 7. 11. 1987 bis zum 10. 1. 1988

Am 11. April vor 55 Jahren besiegelte Görings Polizei das deutsche Schicksal des Bauhauses: die letzte Zufluchtsstätte der Kunstschule in Berlin-Steglitz wurde besetzt, geräumt, geschlossen. Als 1987 in Berlin (West) die Ausstellung ,,Berlin 1900-1933, Architektur und Design aus Berlin“ zu sehen war (ausgerichtet vom lnternationalen Design Zentrum), hatte man da das Bauhaus in Berlin und seine Liquidierung vergessen. Ende des Jahres nun war im Westberliner Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung, das amerikanische Kapitel ,,Bauhaus“ zu besichtigen, Zeugnisse der ach so kurzen Geschichte des von Laszlo Moholy-Nagy geleiteten New Bauhaus in Chicago (1937/38) sowie dessen folgender Umwandlungen zur School of Design (1939-1944) und zum lnstitute of Design (ab 1944). Das lD existiert heute noch, seit 1949 als Bestandteil des lllionois lnstitute of Technology, der seinerzeit von Mies van der Rohe gegründeten, von Moholy-Nagy nicht eben brüderlich geliebten, aber in und für Amerika erfolgreicheren Bauhaus-Nachfolgeeinrichtung.[paycontent]
Die Ausstellung konzentrierte sich auf das Schaffen zwischen 1937 und 1951, als die Schule unter der Leitung von Moholy-Nagy und, nach dessen Tod, seines Nachfolgers Serge Chermayeff noch (wenn auch allmählich mit Abstrichen, weil amerikanischen Bedingungen angepaßt) der Bauhauslehre verpflichtet war. Im Gegensatz zum ID Mies van der Rohes war am New Bauhaus zunächst das volle in Weimar und Dessau entwickelte Ausbildungsprogramm fortgeführt worden, weshalb es zu Recht als die wahre Nachfolgerin des Bauhauses im USA-Exil genannt werden kann.
Der Ausstellungskatalog (auf ihn soll am Ende noch näher eingegangen werden) weist rund 150 Exponate, überwiegend zweidimensionale, aus. Die Präsentation war also relativ bescheiden, vom Umfang her. ln der kunstinteressierten Westberliner Öffentlichkeit wurde gar Enttäuschung laut – in gewisser Weise verständlich, da sie anscheinend den Untertitel zu ,,new bauhaus“ wörtlich verstanden hatte: ,,50 Jahre Bauhausnachfolge in Chicago“. Nun aber ging es nicht um einen Halbjahrhundertüberblick (worauf denn bloß unter diesem Motto?!), sondern selbstverständlich ,,nur“ um das, was vor 50 Jahren für kurze Zeit weitergeführt worden war. . .
Gerade in der Bescheidenheit der Ausstellung lag aber einer ihrer nachhaltigen Vorzüge: Der Besucher war zum Dialog mit den Arbeitsergebnissen am New Bauhaus aufgefordert und fähig; ein bloßer ,,Rundgang“ von nur wenigen Minuten verbot sich. Zwei Exponategruppen boten sich zur intensiven Betrachtung und Befragung besonders an:
– unter den dreidimensionalen diejenige aus dem Grundkurs, die maschinell bearbeitete flexible Werkstücke aus Holz oder Kunststoff darstellte (hier wurde von Hin Bredendieck als Dozent eine echte Weiterentwicklung des ,,alten“ Bauhaus-Vorkurses betrieben, die auf industrielle Fertigungstechnologien orientierte),
– unter den zweidimensionalen die Arbeitsergebnisse aus der Fotografie- und Lichtwerkstatt, in denen sich eine intensiv verfeinerte Kunst des Fotogramms auswies und die Fotografie als ,,Anwendungsgebiet des neuen Kunstmediums Licht“ (Jeannine Fiedler im Ausstellungskatalog, S. 154) den Betrachter ein ums andere Mal faszinierende Ein-Sichten in gewöhnlich unspektakuläre Strukturen und Räume gewinnen ließ.
Nur sparsam waren Beispiele der Produktgestaltung – dominierend Stuhlmodelle, darunter auch Vertreter der berühmten Sperrholzexperimente – präsent. Hier spiegelten sich die Konsequenz und das gleichzeitige Dilemma der Bauhaus-Lehrhaltung in den ersten ,,reinen“ Jahren der Moholy-Nagy-Schule augenfällig wider: mit pädagogisch dynamischer, ganzheitlicher Methodik künftige Gestalter auszubilden, weniger Muster für eine Serienproduktion zu entwerfen. Gerade letzteres hatte man aber in Amerika vom deutschen Bauhausmeister erwartet; das ,,Weniger“ war nun den in der Association of Arts and lndustries vereinigten Chicagoer Sponsoren des New Bauhaus gar zu wenig; die in der Mehrzahl lndustriellen, Bankiers und Warenhausdirektoren entzogen der Schule enttäuscht bereits nach einem Jahr die Mittel.
Die Exposition führte Beleg über alle Lehrfächer in Chicago, also auch über das visuelle Gestalten, die Architektur, die Malerei und Skulptur. Ein reich illustrierter Katalog – herausgegeben von Peter Hahn, Bauhaus-Archiv Berlin (West), und Lloyd C. Engelbrecht, University of Cincinnoti, – bietet zu all dem mannigfache lnformationen, denen sechs Aufsätze vorangehen: Vom Bauhaus zum New Bauhaus (Peter Hahn); Chicago – eine Stadt auf der Suche noch einem Bauhaus? (Lloyd C. Engelbrecht); Die Pädogogische Ästhetik von Laszlo Moholy-Nagy und seine Rolle bei der UmsiedIung des Bauhauses nach Chicago (Alain Findeli); Moholy-Nagy und Chermayeff in Chicago (Alain Findeli); Wechselwirkungen: Amerikanische Fotografie und New Bauhaus (Jeannine Fiedler); HfG: Außer Bauhaus nichts gewesen? (Eva von Seckendorff).
Eine ausführliche Chronologie, ausgewählte Dokumente sowie Kurzbiographien und Bibliografie erheben den Katalog in den Rang eines Standardwerkes. Vielleicht war/ist er das Ereignis zur kritischen Würdigung der Bauhausnachfolge in Chicago vor 50 Jahren.

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Günter Höhne
(Die Rezension von 1988 würdigt neben dem Ausstellungskonzept besonders das Katalogbuch als im Rang eines Standardwerkes stehend – veröffentlicht in form+zweck 1/1988; in alter Rechtschreibung belassen)

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