Design in den Niederlanden

Oder: Holland und die Folgen

Niederländisches Design hat in der Fachwelt einen unumstritten guten Ruf, obgleich der schwieriger dingfest zu machen ist als beispielsweise jener italienischen Designs. Einer der gegenwärtig erfolgreichsten niederländischen Designer, der Delfter Bruno Ninaber van Eyben, antwortete auf die Frage nach seinen vergleichenden Eindrücken während eines ltalienaufenthaltes sinngemäß so: Holland ist ein kleines Land, und dadurch sind wir immer versucht, zu anderen aufzuschauen. ltalien ist tatsächlich ein Design-Mekka mit eigenen Propheten, die viele Nachfolger haben. Und: es wird viel philosophiert, auch über Design. Aus einer architektonischen Denkweise heraus wird geredet über das Funktionieren von Produkten im weiten Umfeld – die Telefonbücher jedoch sehen nach nichts aus. Und wörtlich: ,,Gewiß sind wir in Holland pragmatischer beim Entwerfen, doch die Ergebnisse sind beachtlich. Wir müssen nicht zu den italienischen Berggipfeln aufschauen, sondern uns auch in den Tälern umsehen und die Folgen betrachten.“[paycontent]
Holland ist ein kleines Land… Ein kleines, weites, flaches Land, dessen schnurgerade Autobahnen und Schienenstränge sich irgendwo in der dunstigen Endlosigkeit verlieren und fortzusetzen
 und fortzusetzen scheinen – aber dort am Horizont setzt sich oft schon Holland nicht mehr fort, sondern taucht eine Zollstation auf oder liegt eine Hafenzufahrt.
 Zwei Phänomene prägen die Niederländer, ihr Walten und Gestalten entscheidend: ihre eintausend Jahre währenden, buchstäblich existentiellen Erfahrungen im Kampf und im Umgang mit den Naturgewalten Wasser und Wind sowie ihre genuinen Fähigkeiten als fahrendes und handelndes Volk. Wobei das eine ursächlich ins andere spielt. Zwei aktuelle Fakten dazu. Erstens: Da siebenundzwanzig Prozent des Landes unter dem Meeresspiegel (und zwar bis zu minus sechs Meter siebzig) und ein weiteres Viertel nicht mehr als einen Meter über Normal liegen, wäre die Hälfte der Niederlande ohne den Schutz der Deiche, Stau- und Schöpfwerke ständig oder in regelmäßiger Wiederkehr überflutet. (Historische Fußnote: Bereits in der Gründerzeit Amsterdams, das heute zu den teuersten Pflastern der Welt zählt, war der Meeres-Baugrund so wertvoll, daß der Reichtum der Patrizier mit 
nichts überzeugender demonstriert werden konnte als mit der Breite der Freitreppe zur
 Haustür.)
 Zweitens: Zwei Drittel der berufstätigen Niederländer arbeiten heute im Dienstleistungsbereich, dessen Hauptgebiete das international orientierte Bank-, Versicherungs-, Kredit- und das Verkehrswesen sind. (Mit Beginn des siebzehnten, des für die Niederlande ,,Goldenen Jahrhunderts“ eroberten die Schiffe der Ostindischen und der Westindischen Kompanie innerhalb weniger Jahrzehnte ein riesiges Kolonialreich in Südastasien, Amerika und Afrika; das heutige New York hieß als niederländische Hauptniederlassung in Amerika Neu Amsterdam.) 
Fahren und Erfahrungen sammeln – die Niederländer stehen exemplarisch für die Sinnverwandtschaft beider Begriffe.
Was aber nun ist niederländisches Design? 
Vor allem die Folge aus all dem (gewißlich nur Angedeuteten), was traditionell das Lebens- und Überlebenskonzept dieses Volkes ausmacht: Ordnungs-, Orientierungs- und Kommunikationssinn (bei ständiger Gefahr des Untergangs notwendigerweise anzueignen gewesen), aus wenigem das Beste zu machen (aus dem kleinen, flachen Land mit wenigen Rohstoffen und also auf den ersten Blick stark begrenzten industriellen Möglichkeiten), Weltoffenheit (als einer der am dichtesten besiedelten Flächenstaaten der Erde, mit
14,5 Millionen Einwohnern auf einem Drittel der DDR-Landmasse). 
Um konkret zu werden: Das Gütesiegel niederländischen Designs findet sich namentlich 
im gesamten öffentlichen, im Dienstleistungsbereich, in der strengen Konzentration der effektivsten individuellen und technischen Gestaltungskapazitäten auf die leistungsstärksten, weltmarktfähigen Zweige der Volkswirtschaft und (eben) in der internationalen Ausstrahlung und Akzeptanz niederländischer Designleistungen, die auch nicht mehr nur ,,Design in den Niederlanden“ sind, sondern zunehmend niederländisches Design in Stockholm, London und Tokio. Exemplarisches davon wird noch in form+zweck nachzulesen, anzuschauen sein.
Wurzeln niederländischen Designs – und nichts zur Stijl-Bewegung, zu Rietveld, van Doesburg, Oud? Ein Thema für sich, von dem auch noch die Rede sein wird in unseren vorbereiteten Beiträgen. Wie sehr auch de Stijl von dem geprägt war, was wir hier als Klimazone des Rationalen im niederländischen Design umreißen wollten, offenbart das Bekenntnis van Doesburgs: ,,lch verabscheue alles, was Temperament ist, lnspiration, heiliges Feuer und all die Attribute eines Genies, die die Unsauberkeit des Gedankens verhüllen.“
 Die Telefonbücher in Holland sehen nach etwas aus, und sie funktionieren, wie das Telefonnetz.

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Günter Höhne
(Der Beitrag von 1989 ist der Aufmacher für ein entsprechendes Themen-Heft. Er umreißt die Sicht des Chefredakteurs auf die niederländische Designkultur nach einem Besuch von Fördereinrichtungen, Museen und Ateliers u. a. in Amsterdam, Rotterdam, Eindhoven, Tilburg und Delft. – veröffentlicht in form+zweck 3/1989; in alter Rechtschreibung belassen)

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