Nicht nur pro domo

Harald Bodenschatz, Volker Heise, Jochen Korfmacher:
Schluß mit der Zerstörung?
Stadterneuerung und städtische Opposition in West-Berlin,
Amsterdam und London
Hrsgg. V. Werkbund-Archiv, Berlin (West)
Werkbund-Archiv Band 11
Anabas-Verlag, Gießen, 1983
445 Seiten, 180 Abbildungen

Die Fragestellung des Titels impliziert Skepsis von vornherein und könnte also auf eine Streitschrift schließen lassen; Gegenstände des umfangreichen Paperbacks sind, im Untertitel benannt, ,,Stadterneuerung und städtische Opposition“. Tatsächlich aber liegt hier nicht weniger als eine immense Faktensammlung und -analyse vor, die – wenngleich erwartungsgemäß streitbar vorgetragen – in erster Linie die Ansprüche einer wissenschaftlichen Untersuchung erfüllt. Der Band enthält die Ergebnisse eines umfangreichen interdisziplinären Forschungsprojektes, das zwischen 1978 und 1982 im Fachbereich Architektur der Technischen Universität Westberlin realisiert wurde, darüber hinaus schenkt er Entwicklungen kritische Beachtung, die sich bis zum Ende des Jahres 1983 abzeichneten.[paycontent]
Die drei Autoren, übrigens vom Alter und von ihren Standpunkten her mit Sicherheit der ,,achtundsechziger“ Studentengeneration zuzurechnen, haben sich nicht thematisch-kapitelhaft in die Zusammenstellung der Forschungsergebnisse geteilt, sondern Komplex für Komplex ihre spezifischen Ermittlungen zusammengelegt – ein wirklich interdisziplinäres Vorgehen (Bodenschatz ist Stadtplaner, Heise Architekt und Korfmacher Soziologe, wobei keiner von ihnen begrenzt nur auf dem einen Gebiet tätig ist). Sie wissen um die Gefahr der Uferlosigkeit des Themas, das erstmalig so umfassend und so öffentlich untersucht wird, weisen die von ihnen bewältigte Durchdringung der Materie aber nicht etwa zunächst in einer splitterfein gegliederten Inhaltsübersicht aus – das Verzeichnis umfaßt nur 23 Seitenangaben, gerade so viele, wie zur Orientierung eben unerläßlich sind. Ansonsten legen die Verfasser in der Einleitung des Bandes Thematik und Methodik ihrer Arbeit eingehend dar, und der Rezensent kann die inhaltlichen Schwerpunkte nicht besser formulieren als es da getan ‚wird:
,,Die Geschichte der Stadterneuerung und der städtischen Opposition in West-Berlin, Amsterdam und London wird auf verschiedenen Ebenen entfaltet. Zunächst wird für jede Stadt die Geschichte der Stadterneuerungspolitik und die Veränderung des Stadterneuerungsprozesses einschließlich des Betroffenenwiderstandes im Zusammenhang dargestellt und periodisiert. An diesen Überblick schließen sich exemplarische Fallstudien an … Neben diese Städtepakete wird das Themenpaket Hausbesetzungen gestellt, das die radikalste Form des Widerstandes in den drei Städten herausgreift und deren Geschichte nachzeichnet … In einem abschließenden Beitrag wird die national unterschiedlichausgeprägte sozialdemokratische Dimension der Stadterneuerung zusammenfassend thematisiert. Dabei steht die Krise der sozialdemokratischen Regierung der Stadt als Ausdruck der Krise des keynesianischen Wohlfahrtsstaates im Zentrum.“(13)
In der weiteren Schilderung ihres Vorgehens verweisen Bodenschatz, Heise und Korfmacher auf das Problem, ,,mit immer den gleichen Worthülsen arbeiten zu müssen, die unterschiedliche Realitäten ab-bzw. verdecken“ und daß auch die Thematik des Buches ,,zunächst einmal durch eine Klammer zusammengehalten“ werde, die ,,durch eine etablierte, pragmatische Terminologie als ein Problem erscheint, in Wirklichkeit aber sehr unterschiedliche Problemdimensionen der kapitalistischen Umnutzung der Stadt umgreift“(13). Wenn dennoch solche allgemein verwendeten Begriffe wie ,,Stadterneuerung“ oder ,,Betroffenenwiderstand“ (dessen Behandlung erklärtermaßen im Vordergrund der hier geschilderten Prozesse steht) sich als funktionstüchtig erweisen, so deshalb, weil sie in allen aufgegriffenen Situationen und Fällen mit beharrlicher Akribie geschichtlich dingfest gemacht und gesellschaftspolitisch konkret eingeordnet werden. Die Autoren bekennen sich zum ,,Grundprinzip der historisch-materialistischen Methode“(13).
Wie in diesem 5inne umfassend präzise und äußerst komprimiert Sachverhältnisse vorgetragen, bewertet und in Beziehungen gesetzt werden, verdient Hochachtung. Die drei Kapitel ,,Geschichte der Stadterneuerungspolitik“ beanspruchen jeweils keine 50 Buchseiten – und dennoch sind hier prägnante stadthistorische Informationen mitverarbeitet worden, die weit mehr als nur das Allernötigste zum Verständnis des Heute beisteuern. Westberlins Mietskasernenviertel, in denen schwerpunktmäßig die Stadterneuerungsgebiete liegen, werden bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts beispielhaft wesentlich faktologisch-bündig rekapituliert, Amsterdams stadtgeschichtlicher Exkurs findet gar mit Erwähnung des 13. Jahrhunderts seinen Ausgangspunkt, wohingegen Londons für die Probleme der siebziger und achtziger Jahre relevanter historischer Background so eingrenzbar ist, daß hier im großen und ganzen nicht über die letzte Jahrhundertschwelle zurückgeblickt zu werden braucht.
Die Verfasser legen kritisch die Wurzeln frei, aus denen sich substantiell herleitet, was gegenwärtig zu konstatieren und zu analysieren ist, Dieses stadtplanerische und städtebauliche Heute ist in den drei behandelten kapitalistischen Beispielen unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß die Perioden sowohl des Bauens auf der grünen Wiese als auch der sogenannten Kahlschlagsanierung vorbei sind, die ,,altePolitik der Stadterneuerung … auch aus ökonomischen Gründen nicht mehr fortgesetzt werden (kann): Die schrumpfenden Mittel reichen nicht für eine flächendeckende Modernisierungs- und Abrißpolitik“(54). Offiziell wird nun in diesen Städten für die vorrangige Erhaltung der Altbausubstanz plädiert, aber ,,daß diese ,Leitlinie‘ nur als ungeliebte Übergangslösung betrachtet wird, ist bald zu erkennen“(59). Steigende Boden- und Baupreise sowie ein hohes Zinsniveau führen dazu, daß ,,die sich ständig weiter öffnende Schere zwischen der Sanierungsvorbereitung (vor allem ,,Entmietung“, d. V.) … und der Sanierungsdurchführung … nicht mehr geschlossen werden“ kann. ,,Der durch den Sanierungsprozeß entstehende Wohnungsleerstand wird zum brisanten Politikum“(54).
Schälen sich während des Verfolgens neuer konzeptioneller Leitlinien der innerstädtischen Rekonstruktion in den drei behandelten Wohnzentren bei aller gemeinsamen Symptomatik doch zum Teil von Stadt zu Stadt recht unterschiedliche staatliche bzw. kommunale Engagements und Arrangements heraus, so gilt die letztzitierte Feststellung wiederum für alle gleichermaßen. Infolge der staatlich sanktionierten menschenverachtenden Wohnungsmarktpolitik des ,,freien Unternehmertums“ und seiner Lobby formiert sich ein Betroffenenwiderstand, der zunächst grundsätzlich gemeinsame Züge trägt, wie zum Beispiel Stadtteil-lnitiativen, Aktionsgruppenarbeit, Hausbesetzungen. Wie und warum sich der Betroffenenwiderstand im einzelnen aber sehr differenziert entwickelt (zum Beispiel auch zeitlich in den untersuchten Städten) und wie er von den recht unterschiedlich gearteten (nicht zuletzt auch historisch determinierten) Mechanismen und Haltungen der bürgerlichen Demokratien in den einzelnen Kommunen assimiliert oder auch faktisch eliminiert wird – das ist sehr detailliert dargestellt. Was hier an konsequenter Recherchearbeit geleistet wurde, ist enorm.
Für eine breite Schicht von Interessierten – vom Architekten über den Städteplaner und Stadtgestalter bis zum Soziologen, Gesellschaftswissenschaftler und Historiker – bietet dieser Band eine ungewöhnliche und in vielerlei Einzelsubstanzen bisher einmalige Fülle von Informationen und Kommentierungen. Der hier angestellte internationale Vergleich kapitalistischer Stadterneuerungs-Politik ist mit seinem analytischen und argumentativen Fundus Quellensammlung, Dokumentation und Strategie-Lehrbuch zugleich. Dabei wird in dem Band durchaus nicht nur ,,pro domo“ geredet. Der Kontext, der die gesellschaftspolitischen Determinanten des engeren Geschehens benennt, enthält hochaktuelle systematische Wertungen – etwa wenn am Ende die Titel-Frage so beantwortet wird: ,,Was die Form betrifft, in der gegenwärtig die Stadterneuerung durchgeführt wird, so scheint … oberflächlich die im Titel gestellte Frage … positiv beantwortet werden zu können. Tatsächlich wird längst nicht mehr so viel Bausubstanz abgerissen wie noch vor wenigen Jahren. … In Wahrheit jedoch ist die Bedrohung der Wohn- und Lebensbedingungen breiter Schichten der Bevölkerung immens gewachsen … Mit den dramatischen Reallohnrückgängen, den seit Kriegsende höchsten Arbeitslosenquoten und den rigorosen Kürzungen der Sozialleistungen wird deutlich, daß der praktizierte Neoliberalismus eine soziale Zerstörung größten Umfangs eingeleitet hat, von der die Zerstörung städtischer Milieus nur ein Teil ist …“(406). Noch weitergehend schließt die Einleitung zum Buch (Seite 16): ,,Der Kampf für eine demokratische, sozial orientierte, behutsame und sparsame Umgangsform mit dem städtebaulichen Erbe hat heute allerdings nur Zukunft, wenn er sich mit anderen Bewegungen gegen Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung, für Frieden und eine neue Weltwirtschaftsordnung zusammenschließt“.

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Günter Höhne
(Ausführliche Sachbuch-Literaturkritik, in der den Autoren Hochachtung für ihre Analysen und Kommentierungen gezollt wird – veröffentlicht in form+zweck 1/1985; in alter Rechtschreibung belassen)

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