Draußen vor der Tür

Das zeitgenössische deutsche Industriedesign, für gewöhnlich unspektakulär-rational daherkommend und im eigenen Lande immer noch erst von 15 Prozent aller produzierenden Unternehmen als Markt- und Kulturfaktor in die Firmenstrategie integriert, hat in dieser Woche seinen großen Auftritt jenseits des Atlantik: Die diesjährige Aspen Design Conference im USA-Staat Colorado steht vollständig im Zeichen deutscher Produktkultur. Die Designchefs von Siemens und der wichtigen deutschen Automobilhersteller, der Braun-Designpionier und heutige Präsident des Rates für Formgebung Dieter Rams, Rolf Fehlbaum von Vitra, der Kulturtheoretiker Bazon Brock und Bundeswirtschaftsminister Rexrodt gar zählen zur großen und illlustren Schar der Vortragenden und -zeigenden in Sachen „Visions of German Design“ (so das offizielle Motto des Veranstaltungsmarathons).

Das ursprüngliche und so auf ausdrücklichen Wunsch der amerikanischen Gastgeber profilierte Konzept indes sah zunächst weniger eine deutsche Exportmusterschau als vielmehr ein Forum zur Diskussion des Wertewandels in der Industriekultur des ausgehenden 20. Jahrhunderts vor. Der Diskurs sollte sich vor allem drei Schwerpunkten widmen: „Geschichte und Zukunft des deutschen Designs“, „Das Deutsche am deutschen Design“ und „Visionen des deutschen und internationalen Designs“. Als besonders interessante Aspekte wurden die „gegenwärtige Baustelle Berlin“ und „die Chance einer ersten Präsentation deutschen Designs nach der Wiedervereinigung“ – so die ersten Projektveröffentlichungen vor einem Jahr – hervorgehoben.[paycontent]

Davon ist leider nicht viel übriggeblieben. „Visions of German Design“ präsentiert sich als Übersicht ausschließlich westdeutscher Gestaltungsgeschichte und -gegenwart. Weder gibt es eine nennenswerte kritische Auseinandersetzung mit den derzeitigen und abzusehenden künftigen Design- und Architekturprozessen in der Hauptstadt Berlin, noch spielen die in den USA wahrlich unbekannte, aber unter vielen Aspekten spannende Historie und der seit 1990 sich vollziehende Wandel des Designprozesses in Ostdeutschland eine Rolle. Daran ändert auch der Dreiviertelstunden-Alibi-Auftritt Alfred Hücklers, des langjährigen Lehrers und Rektors an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, in Aspen kaum etwas.

Nicht einem einzigen Produzenten oder Designer aus den neuen Bundesländern gelang es, auch nur einen Fuß in die Tür des Vorbereitungsbüros „Aspen 1996“ im Münchener Designzentrum zu bekommen. Im Gegensatz dazu war die ostdeutsche Produkt- und Markenentwicklung nach der Wende das Internationale Design Zentrum Berlin und das Bonner Wirtschaftsministerium aber schon 1993/94 sogar eine spezielle internationale Wanderausstellung („The East German Take-Off“) wert, die übrigens auch in den USA und in Kanada auf großen Zulauf stieß. Dabei weisen bereits das einstige DDR-Design und dessen Publikationen eine ganz eigene, so wenig bekannte wie aufschlußreiche Beziehungs-Geschichte zur USA-Produktkultur auf, deren Thematisierung in Aspen sicherlich nicht uninteressant gewesen wäre.

Mit der Beseitigung von Mauer und Stacheldraht zwischen Ost- und Westdeutschland kam 1990 auf die Menschen der ehemaligen DDR urplötzlich etwas zu, wovon sie 40 Jahre lang mit aller Staatsgewalt ferngehalten werden sollten – unter dem Einsatz oft geradezu hysterischer Propaganda, rabiater Zensurpraktiken und Einfuhrverbote, ja zeitweise sogar drastischer Strafandrohungen: die „Verwestlichung“. Und als deren allerschlimmste Form galt unter Ulbricht wie unter Honecker die „Amerikanisierung“ von Lebensweise und Kultur. Was aus dem Westen kam, war böse, war schlecht, war bestenfalls „kaputt“ und lächerlich, aber immer abschreckend. Ganz besonders, was aus den USA nach Europa „herüberschwappte“ und in der ostdeutschen Parteisprache „amerikanische Unkultur“ hieß. Das betraf moderne, gar experimentelle Kunst-, Literatur- und Musikströmungen ebenso wie Mode, Architektur und Design.

1960 ereiferte sich das Ostberliner Interieur-Magazin „Kultur im Heim“ angesichts von Plastik-Sitzmöbeln: „Auch diese dekadenten Gebilde stammen aus der westlichen Welt. Der Finne Eero Saarinen entwarf sie und ließ sie in den USA produzieren. Der westdeutsche ‘Rat für Formgebung’ stellte diese Tulpen, Entschuldigung!, Stühle in Darmstadt als Krone der Schöpfung aus.“ In einer anderen Ausgabe dieses Kampfblattes für sozialistische Wohnkultur nahm man sich moderne internationale Keramik auf einer Ausstellung in Prag vor: „Großes Gartengefäß aus den USA: An solchen zerknautschten Gebilden ohne Überzeugungskraft hatten die künstlerisch anspruchsvollen Beschauer keinen Anteil. Sie sahen in den meisten Exponaten dieser Art nicht eine ‘moderne Strömung’, sondern eine prinzipienlose Spekulation.“

Bis in die siebziger Jahre hinein wurde in den DDR-Medien solcherart groteskes Sperrfeuer gegen die „antihumanistische“ Kultur-Gefahr aus dem Westen geschossen, oft wie in diesen Beispielen mit Kanonen auf Spatzen. Erst nach der KSZE-Konferenz in Europa 1975 und mit der Offensive der DDR-Führung um völkerrechtliche Anerkennung des ostdeutschen Staates auch im Westen nahm man sich hier allmählich zurück. Ja man ließ – wenn auch in bescheidenem Umfang und nicht unkontrolliert – da und dort Meinungsaustausch und in den achtziger Jahren sogar eine gelegentliche Zusammenarbeit von Künstlern, Architekten und Designern aus Ost und West zu, beipielsweise im Rahmen von ICSID-Entwurfsseminaren am Bauhaus Dessau.

Dennoch waren amerikanische Gestaltungseinflüsse beispielsweise auf Musik und Kunst, aber auch auf die Industrie- und Alltagskultur der DDR schon in den fünfziger und sechziger Jahren gar nicht so selten. Man mußte nur genau hinsehen. Da gab es zum einen die unfreiwillig komischen „sozialistischen Antworten“ auf westliche Kulturströmungen: Statt Coca-Cola die „Vita Kola“, eine dünne Ersatzmischung aus kaltem Kaffe und Brauselimonade. Oder anstelle von Mickey Mouse die Comics in den „Mosaik“-Heften. Auf Nylon und Perlon wurde mit der Kunstfaser „DEDERON“ geantwortet, in deren Name selbstbewußt das Kürzel DDR semantisch eingewebt war, und in der Folge gab es die Textilfaser „Grisuten“, aus der „zu Ehren des 20. Jahrestages der Gründung der DDR“ im Cottbuser Textilkombinat die Damen- und Herrenkonfektionsserie „Präsent 20“ in „hochmodernem Großrundgestrick“ gefertigt wurde. Wiederum: schon in den frühen DDR-Jahren gelangte ausgerechnet auf dem Umweg über die Sowjetunion auch ursprünglich Amerikanisches fast unverfälscht nach Ostdeutschland: Die obersten SED-Parteibonzen fuhren in russischen Großlimousinen vom Typ „Tschaika“ mit Haifisch-Heckflossen vor.

Ein besonderes Phänomen stellten einige ganz eigenständige Produktentwicklungen in der jungen DDR dar, bei denen sich die Ideen der Gestalter ganz offensichtlich von modischen westlichen Vorbildern leiten ließen – trotz aller antiamerikanischer Propaganda. So konnten etwa der 1953 auf der Leipziger Herbstmesse neu vorgestellte Koffer-Super 6 D 71 aus Ostberlin, aber auch einige Reise-Rasierapparate Made in GDR durchaus mit ihren stromlinienförmigen USA-Brüdern konkurrieren. In den ehemaligen Zwickauer Audi-Horch-Werken, nun „VEB Sachsenring“, entstand Mitte der fünfziger Jahre der Luxus-Personenwagen „Sachsenring“. Dieser sah nicht nur „amerikanisch“ aus, sondern über ihn schrieb das Jahrbuch 1957/58 von „Form und Zweck“, der Design-Fachzeitschrift der DDR, unter ausdrücklichem Bezug auf das seinerzeit Charakteristische im amerikanischen Automobilbau durchaus wohlwollend, er sei „ein getreues Abbild der heutigen, modernen internationalen Form, wobei lediglich zu bemängeln wäre, daß er zu hochbeinig ausgelegt ist“. Im Jahrbuch 1960 dieser bis 1990 vom staatlichen „Amt für industrielle Formgestaltung“ herausgegebenen Zeitschrift wurde sogar original US-amerikanisches Verpackungsdesign seiner Vorbildhaftigkeit wegen vorgestellt. Freilich: „Form und Zweck“ diente fast ausschließlich der weitgehend sachlichen, fachinternen Information der ostdeutschen Designer, „Kultur im Heim“ hingegen war ein illustriertes Massenblatt des SED-Propagandaapparates.

Interessanterweise war es dann in den siebziger Jahren ausgerechnet Spielzeug, das die ansonsten streng im antiamerikanischen Geist erzogenen „sozialistischen Kinder“ mit USA-Designvorbildern konfrontierte: Die ersten per Kabelverbindung fernlenkbaren Batterie-Autos waren, neben dem VoPo-Streifenfahrzeug Marke „Wartburg“, detailgetreu nachgebildete amerikanische Straßenkreuzer. Dem folgten – auch dies nicht zuletzt eine Auswirkung der Helsinki-Vereinbarungen, die in ihrem sogenannten „Korb drei“ einen freien internationalen Austausch von Ideen und Kulturen vorsahen – sogar DDR-Jeans, und die durften nach langen pädagogischen Diskussionen nicht nur in den „Diskos“ und beim „Camping“, sondern auch in der Schule getragen werden, am Ende sogar zum FDJ-Hemd.

Mit den Intershop-Ladenketten, in denen die DDR-Führung die auf geheimnisvolle Weise sich in den Händen ihrer Bevölkerung häufenden Valuta abzuschöpfen trachtete, boten sich nun auch dreidimensionale, faßbare West-Anregungen für so manchen ostdeutschen Produzenten und Designer, der ansonsten nicht aus dem Lande herauskam. Sie und diejenigen, die offiziell oder inoffiziell zum „Abgucken“ auf die westlichen Märkte fahren durften, bewiesen freilich selten eine glückliche Hand beim Kopieren. Und mehr blieb ihnen kaum noch übrig.

Anregungen aufgreifen, kritisch befragen und für eigene Inspirationen nutzen – dafür war jetzt keine Zeit mehr. Die längst aus dem vollmundig verkündeten Kurs „Alles zum Wohle des Menschen!“ geratene schlingernde DDR-Wirtschaft sollte Ende der achtziger Jahre mit letzten Kräften wenigstens noch halbwegs im Fahrwasser der davoneilenden Westkonkurrenz gehalten werden, vorwiegend mit Abklatsch zu Dumping-Preisen an Bord. Als Amerika in Sicht kam, da präsentierte es sich in den vom DDR-Design leergefegten Schaufenstern Ostdeutschlands – nach der deutschen Wiedervereinigung. Mit PCs, Nike-Sportswear und echter Coca-Cola.

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(Auseinandersetzung mit der Ignoranz der westdeutschen Vorbereitungsgruppe zur Aspen Design Conference 1996 „Visions of German Design“, was die Wahrnehmung des ostdeutschen Designs in Vergangenheit und Gegenwart als thematischen Aspekt betrifft – Beitrag für „Der Tagesspiegel“ Berlin 1996, nicht erschienen)

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