Ju-Jutsu im Glasladen

Mit Glas kann man vieles machen. Sogar das Verenden einer Volkswirtschaft hinausschieben. Die der DDR stand in ihren letzten Jahren manchmal mehr auf gläsernen als auf den viel zitierten tönernen Füßen. Exportartikel aus Glas ließen sich nämlich immer noch verkupfern, im Gegensatz zu manch anderem, den Weltmarkttrends hinterher laufenden Industrieprodukt. Glas war einer dieser „veredelten einheimischen Rohstoffe“, aus denen sich die dringend benötigten Staatshandelsdevisen gewinnen ließen, ohne dass solche vorher investiert werden mussten. Stück für Stück Cents und Pfennige warf das zwar immer nur ab, aber die Masse brachte es dann doch einigermaßen. Die Glaskreationen von Harzkristall allerdings trugen einiges mehr ein. Sie liefen in West und Ost kaum als Dutzendware, sondern bedienten meist kulturelle Ansprüche, für die Freunde modernen und zugleich zeitlos schönen Designs gern tiefer in die Tasche griffen. Acht mal erhielten Entwürfe der Derenburger Chefgestalterin Marlies Ameling zwischen 1980 und 1990 auf Leipziger Messen das DDR-Gütesiegel „Gutes Design“, und alle diese Serien verkauften sich anständig im Ausland. So glänzend, dass sie kaum in den Binnenhandel fanden.

Mit Glas kann man vieles machen. Einiges aber auch überhaupt nicht. [paycontent]Ich werde nie vergessen, wie Marlies Ameling Anfang der 90er Jahre während eines meiner Besuche bei Harzkristall fassungslos um Luft rang, als eine Praktikantin der Hochschule für Kunst und Design Halle – Burg Giebichenstein arglos in Derenburg an der Schmelzwanne darum bat, an ein fertiggeblasenes kaltes Glas einen Henkel aus rotglühender Glasmasse „ansetzen“ zu lassen. „Auf so eine absurde Idee wären wir – bei Ilse Decho, Hans Merz und Lothar Zitzmann in eine künstlerisch herausfordernde, aber auch praktisch-technisch fundierte Schule gegangen – nicht im Traum gekommen“, stöhnte sie, nachdem sie der Studentin das Unmögliche ihres Ansinnens geduldig erklärt hatte. Ach ja, die traditionsreiche glastechnische Grundlagenausbildung sei wohl der Nachwende-Evaluation mit zum Opfer gefallen.

Mit Glas kann man vieles machen – zu vieles leider auch, was Marlies Ameling gegen den Strich geht, besonders wenn sie selbst dafür in Anspruch genommen werden soll, treffender: muss. Beispielsweise, um als Harzkristall-Chefgestalterin und -Prokuristin „Kundenwünsche“ zu erfüllen, die in Wahrheit tumbes Händlerbegehr nach trendigem Modeverschnitt sind. „Designerglas“ will man lieber als von wirklichen Designern entwickeltes. Denn jenes, so sagen die Einkäufer, sei für sie nicht lukrativ genug, „Experimentelles“ oder gar „zu Einfaches“ komme bei zu wenigen Kunden an. „Mir hat einmal ein Händler gesagt, dass meine klaren Produkte nur etwas für fünf Prozent der Bevölkerung sind“, bestätigt Marlies Ameling. Und der gute Mann habe noch hinzugefügt: „Diese Minderheit kann damit zwar ewig leben, aber wir nicht von ihr.“ Damals in der DDR hieß das: „Unsere Menschen wollen das nicht.“

Und dabei könnte Marlies Ameling heute in Derenburg Glasträume erfüllen wie nie je vorher. Kundenträume jener (immerhin!) fünf Prozent – und ihre eigenen als Gestalterin und Materialtüftlerin. Immer wieder leistet sie sich diesen Luxus auch. Und manchmal wird er doch vom Handel als dauerhaft begehrenswert für eine Kundschaft mit erlesenem Geschmack erkannt. Das westfälische Katalog-Nobelunternehmen Manufactum zum Beispiel vertreibt seit Jahren den noch zu DDR-Zeiten entworfenen und produzierten Schalensatz „Rosales“ und andere Amelingschen Harzkristall-Entwürfe durchaus erfolgreich.

Waren der seriellen Ausführung vieler Ideen bis 1990 noch harsche technologische und „Plankennziffern“-Grenzen gesetzt und standen innovativen Vorstellungen nicht selten auch subjektive Einwände skeptischer Kollegen in der Fertigung entgegen („Aus dem guten Glas so einfache Formen zu machen, die nichts Dekoratives haben!“), so verfolgte die Künstlerin dennoch unbeirrt ihren Weg, das erstrebte ästhetische und technische Optimum immer wieder über vermeintlich unüberwindliche Barrieren zu heben. „Man sieht diesen Produkten den Kampf nicht an, den die Durchsetzung eines jeden von ihnen verlangte. Weiß man aber, wie in der DDR jedes so genannte gute Glas eigentlich nur als Dekoration für die Schrankwand betrachtet wurde, dann kann man vielleicht nachvollziehen, was die letztendliche Produktion der Misha-Serie oder von Rosales als schlicht-schönem Gebrauchglas bedeuteten. Das waren unglaubliche Kraftakte, aber dann auch ebensolche Erfolgserlebnisse. Und das bei Dingen, die in der Gestaltungskultur etwa der skandinavischen Länder seit Jahrzehnten etwas völlig Normales darstellten.“

Die Wende ermöglichte dann den Qualitätssprung. „Haben beispielsweise alle bis da hin erzeugten Gläser einen grünlichen Farbstich wegen des Eisenoxyds im zur Verfügung stehenden Glassand, kann nun durch den Einsatz besserer Sande ein wirklich schönes Kristallglas hergestellt werden“, schwärmt Marlies Ameling.

Aber eben: Was ist „schön“? Ach, dieser ewige Konflikt zwischen einem unsterblichen Heimeligkeits- und Modewahn von New York bis Nowosibirsk und Nürnberg einerseits und andererseits dem unerschütterlichen Betreben beseelter Glasgestalterinnen und Gestalter, Anständig-Gültiges, ja vielleicht auch Unsterbliches dagegen zu setzen, neue Maßstäbe, Klassiker der Moderne. Was haben Wagenfelds lebenslange Feldzüge gegen Als-ob-Anmutungen und Schund in der Gebrauchsglasindustrie aber bis heute wirklich erreicht? Haben Aino und Alvar Aaltos Gläserformen tatsächlich die verdiente Weltgeltung erlangt, über den feinsinnigen Zirkel der Kunstkritiker und das anspruchsvolle Ausstattungsbedürfnis von art- und berufsverwandten Zeitgeistern hinaus? Das fragt sich Marlies Ameling hin und wieder angesichts des immerwährend sich „erneuernden“ Kaleidoskops von gläsernen Neckischkeiten auf den einschlägigen Weltfachmessen fürs Schöne Heim, und dann ziehen Gramfalten über ihrer Stirn auf. Resignation?

Nein, die will sie nicht aufkommen lassen. An ihrem Tun und Lassen wird sehr anschaulich: es gibt da einen großen Unterschied zwischen bekümmert sein und sich kümmern, zwischen bloß besorgt sein und dafür sorgen, dass die Fragen nach dem Sinn des Schönen nicht verstummen, dass immer aufs Neue – wirklich Neue! – dem Material Glas Kunstfertigkeit angediehen lassen wird, ausgeklügelte Kultur. Dabei stellt sie sich nicht etwa schmollend-trotzig gegen die Trends des Geschäfts, sondern geht mit einer Art Ju-Jutsu-Selbstverteidigungsphilosophie auf die Nahkampfmatte: den Druck des Marktes beziehungsweise seiner Apologeten annehmend, ja an sich ziehend – um ihm dann sozusagen aus dem Hüftgelenk eine ihr selbst Bewegungsfreiheit verschaffende, zwar sie tangierende, aber sie nicht umwerfende und weitgehend selbstbestimmt- eigene Richtung zu geben.

So mit ihrem Serienentwurf „Linie 5“ von 1996. „Im Möbelbereich Mitte der 90er Jahre fanden verstärkt wieder Formen der 50er Jahre Einfluss. Die Kontur meiner Gläser hat, wenn man genau hinsieht, die Form einer 5. Ein formales Augenzwinkern – aber nicht nur. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Stielglaswerkstelle bei Harzkristall so weit qualifiziert, dass auch besonders lange Stiele möglich wurden. Die darauf besonders erhöhten Vasenkelche erlauben es, mit dem Tischgegenüber nicht ‚durch die Blume sprechen’ zu müssen, sondern ihm in die Augen blicken zu können.“ Ju-Jutsu heißt übrigens auf Deutsch nichts weiter als „Kunstgriff“.

1998 greift Marlies Ameling das vom Handel als unentbehrliches Marketinginstrument geforderte Thema „Sammeln“ mit dem ihr eigenen unerbittlichen Qualitätsanspruch an sich selbst und an die Arbeitsbühne auf. „Meine vor fünf Jahren gestalteten Sammelkaraffen besitzen verschiedene Grundformen, die aber durch die Farbigkeit des Körpers und des Stopfens stets auf Neue variieren können. Bedingung für den Anspruch als hochwertiges Sammlerobjekt – und darum ging es mir – ist eine so konsequent saubere, vornehme Ausführung von Entwurf und Endprodukt, dass sowohl der Nachkauf wie der Hinzukauf höchsten Ansprüchen, so wie an Unikate, genügen.“

Wie den Schalensatz-Klassiker „Rosales“ hat das Waltroper Manufactum- Versandunternehmen für „die guten alten Dinge, die es noch gibt“ seit Jahren die 1997 entwickelte farbige Ameling-Vasenserie „Citro“ von Harzkristall kontinuierlich im Katalogprogramm. Eine offenbar so zeitgemäße wie archetypische, also im besten Sinne zeitlose Form, die mittlerweile bei fast jedem etwas auf sich haltenden Händler zu finden ist. „Bei Citro spielt auch der gestalterische Reiz von Innen- und Außenform eine wichtige Rolle. Mit dem größten Exemplar wurde erstmals überhaupt von der Möglichkeit ausgegangen, die Vasendekoration auch völlig im Inneren aufzunehmen.“ Eine der genialen Ideen Marlies Amelings, die auf dem scheinbar unbezwingbaren Markt der eitlen Produktbeliebigkeiten für Aufsehen sorgte.

Aber aufgepasst: Nicht alles, was im Geschäft wie „Citro“ aussieht, kommt tatsächlich aus Derenburg. „Es ist die am meisten kopierte meiner Formen“, stellt die Schöpferin sauer lächelnd fest. Ironie des Gangs der Dinge – die dereinst vom Handel beargwöhnten Serien der Glasdesignerin werden heute dreist plagiiert und als (anonymes) „Designerglas“ feilgeboten.

So ergeht es auch einer ihrer jüngsten Serien, der „put in“, deren Farbigkeit zwar auf den aktuellen Trend abgestimmt ist, der in ihrer Gesamtanmutung die Konkurrenz aber kaum das Wasser reichen kann. „Die Produktpiraterie nervt, aber man kann nichts dagegen tun“, zuckt Marlies Ameling die Schultern. „Nur das Eine: weitermachen, immer wieder vor-machen. Solange man es vermag.“

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(Katalogbeitrag Ausstellung „Marlies Ameling: Glasdesign“ Staatliche Galerie Moritzburg Halle, 2003)

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