(Kunst)-Handwerk contra Design?

Vor knapp 40 Jahren verschlugen mich als 18jährigen sächsischen Junglehrer „ideologische Unklarheiten“, wie das damals genannt wurde, von einem Tag auf den anderen zur „Bewährung bei der Arbeiterklasse“ in ein Stahlwerk, das unter anderem Teile für Tagebaugroßgeräte lieferte. Nachdem ich mir als Schmiedehelfer mit „Schwerstarbeiterzulage“ an einem Drei-Tonnen-Fallhammer recht bald die Handgelenke lädiert hatte, wurde ich in die Mechanische Werkstatt umgesetzt, mich nun zum „angelernten Fräser“ qualifizierend. Mein Arbeitsplatz, eine betagte und an ihren Fundamenten rüttelnde Fräsmaschine zur Bearbeitung von dicken Bolzenkopf-Schmiederohlingen für große Eimerkettenbagger, stand neben der Gesenkfräse eines erfahrenen Metallarbeiters, der mich in die Geheimnisse der optimalen Abstimmung von Vorschub- und Drehgeschwindigkeit und des Handschleifens der rasch abgefahrenen Fräserkopf-Stähle einwies.

Dieser Mann war für mich ein zu bewundernder Künstler. Links neben sich hatte er eine Blaupause liegen, die etwa die gegenständliche Aussage eines Schnittmusterbogens hatte, wie sie meine Mutter in ihrer Nähecke gestapelt hatte. [paycontent]Nur, dass er aus dem Linien- und Kurvengewirr nicht bloß Flächen zu definieren und auszuschneiden hatte, sondern nach diesen Vorlagen aus einem Stahlblock mittels eines ganzen Arsenals von Fräserköpfen dreidimensionale topographische Gebilde herausholte – eben die Gesenkformen für Werkstücke, die später unterm Fallhammer „herauskommen“ sollten. Werkstücke für ein ungeheuer komplexes industrielles Serienprodukt von riesigen Dimensionen, das nur funktionieren konnte, wenn auch der kleinste mechanische Dreh- und Angelpunkt perfekt funktionierte.

CNC-Steuerung gab es 1962 noch nicht einmal als Begriff. Die unabdingbar präzise Gesenkfräse-Vorarbeit, um einen Braunkohlebagger-Giganten in Gang zu bringen und auch bei Frost, Schlamm und flimmernd-staubtrockener Hitze am Laufen zu halten, geschah in purer Kopfdenk- und Handarbeit. Ohne dieses Handwerk, ja Kunst-Handwerk des braven Gesenkfräsers kein Qualitäts-Industrieprodukt Bagger, kein Industrieprodukt Braunkohlebrikett am Ende.

Zu eben jener Zeit saß in Berlin im damaligen Zentralinstitut für Gestaltung eine Frau an der Töpferscheibe und drehte für die Pozellanindustrie der DDR Gipsmodelle, genau für den Brand berechnet, mit denen sie dann in die Betriebe fuhr. Nach Colditz zum Beispiel, wo Margarete Jahny, so hieß sie, und ihr Berliner Kollege Erich Müller das Gastronomiegeschirr „Rationell“ aus der Taufe hoben – das Großseriengeschirr der DDR überhaupt. Ohne perfekte Beherrschung des Handwerks keine Serienqualität. Die heute 78jährige Margarete Jahny erinnert sich noch sehr lebhaft, wie sie hier von Anfang an Überzeugungsarbeit zu leisten hatte, als sie 1951 von der Dresdener Hochschule der Künste als erste „frisch diplomierte“ Keramik- und Porzellangestalterin der DDR nach Weißwasser ging, in ein kleines Porzellanwerk: „Bestimmte Radien, die man als Formgestalter haben wollte, stießen in der Industrie nur deshalb auf Widerstand, weil sie ,ein bissel schwierig’ anmuteten. Da hat man eben immer wieder lieber die schlaffen Linien gefertigt, denn die ließen angeblich weniger Fehler zu. In Wahrheit hätte man nur etwas sorgfältiger und mit weniger Routine arbeiten müssen.“

Liegt in solchen lästigen „Erfahrungen des Industriedesigns“ mit Handwerks- und Kunsthandwerks-Produktkultur womöglich eine gern verschwiegene Hauptursache für die so abwegige wie nicht tot zu kriegende „Diskussion“ um den angeblichen Antagonismus beider Gestaltungshaltungen und –praktiken?

Dabei geht doch auch heute das industrielle Serienprodukt in vielen Fällen noch zuerst als Hand-Werk durch Kopf und Hände des Designers und des Modellbauers. Soll es ja am Ende auch – entwickelt aus den handgreiflichen, hand-werklichen Erfahrungen der Gestalterinnen und Gestalter – optimal in der Hand des Nutzers wirken, ihm nützen eben. Handhabungsqualität stellt sich bei Gefäßen, Werkzeugen, Spielzeug, Mobiltelefonen, Türgriffen und Gummibärchen über Berührungs-, Geruchs- und Geräuscherfahrung her, über den Dialog mit dem Material und seinem Geist.

Wo ist hier das Problem zwischen Kunsthandwerk und Design? Und wer hat es?

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(Vortrag anlässlich eines internationalen Porzellan-Workshops im Porzellanwerk Kahla, 2002)

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