Respekt vor dem Geist des Ortes

Das Stralsunder Modellprojekt Altstadt und Werbung bietet viele Anregungen

„Regelrecht gewürgt“ habe es sie, erinnert sich die Kommunikationsdesignerin Friz Fischer, als sie Anfang der neunziger Jahre von Berlin aus einen Abstecher in die alte Hansestadt Stralsund unternahm. „Noch ehe erste Zeichen zur Erhaltung und Erneuerung der trotz erschütternden Zerfalls immer noch traumhaften historischen Bausubstanz zu sehen sein konnten, hatte sich ein wüstes Sammelsurium von dilettantischer, konfektionierter oder bemüht ,origineller’ Außenwerbung in der denkmalgeschützten Innenstadt ausgebreitet, konkurrierend mit einem chaotischen öffentlichen Schilderwald.“ Hier muß etwas passieren, sagte sie sich und verlegte kurzentschlossen ihren Ateliersitz von Berlin an den Sund.
Fotostreifzüge durch die Stadt, Bestandsaufnahmen alter, all zu oft bereits der Eliminierung für wert erachteter Firmen- und Gewerbe-Insignien. Dokumentation des schrecklich Neuen im Straßen- und Gassenbild. Klinkenputzen bei Behörden, Vereinen, Bürgerinitiativen. Und weit offene Türen beim frisch gegründeten regionalen Design Zentrum Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin. Das trieb bei den Bundes- und Landes-Wirtschaftsministerien 1994 Fördergelder für einen Gestaltungs-Workshop „Altstadt & Werbung“ auf. Unter Friz Fischers Leitung und Projektträgerschaft der Stadtverwaltung Stralsund sollte er nicht nur 15 Architekten und Designer sowie eine Handvoll Gewerbetreibende zu beispielhaftem Tun zusammenführen, sondern, wie sich am Ende herausstellte, weit über die Hansestadt hinaus wirken.[paycontent]
Das Ziel war, eine „modellhafte Außenwerbung“ für sechs Projekte in der historischen Innenstadt zu entwerfen, mit den betreffenden Gewerbe- und Ladeninhabern in realitas umzusetzen und schließlich die Arbeitserfahrungen und -ergebnisse in einer Wanderausstellung allgemein publik zu machen. Das Ergebnis: In nur einer Sommerwoche entstand ein stimmiger Formen-, Farben- und Installationskanon, dessen Präsentation zum allgemeinen Stadtgespräch wurde. Anstelle neckisch-historisierender Reklame-Albernheiten nun regionaltypische Materialien wie Segeltuch, Holz und Eisen. Statt schriller Waren- und Dienstleistungsanpreisungen den historischen Fassaden proportional und farblich angemessene Botschaften. Und äußerste handwerkliche Sorgfalt bis zur Verankerung der Werbeträger in Mauerwerk oder Straße. Die Stralsunder Bürger und Stadtväter bekamen Augen – von nun an auch für das allenthalben Hergeklotzte und Hingekleckste.
Daß die Problematik Altstadt und Werbung aber beileibe keine Stralsunder Spezifikum ist und auch nicht ein alleiniges der ost- und mitteldeutschen Flächendenkmäler, zeigte sich wenige Monate später nachhaltig auf der ersten internationalen Denkmalschutzmesse „denkmal ’94“ in Leipzig, wo das Projekt der Fachöffentlichkeit vorgestellt wurde. 24 bundesdeutsche Städte meldeten sogleich den dringenden Wunsch an, das Stralsunder Modell auch in ihren Mauern präsentieren und diskutieren zu können. Anlaß für das Bundeswirtschaftsministerium, dafür schließlich seinen Segen und die erforderlichen Mittel zu geben.
Seit Anfang 1996 ist die Wanderausstellung „Altstadt und Werbung“ nun auf großer Tour und hat jetzt auch in Berlin Station gemacht. Bis zum 22. August ist die beeindruckende Schau im Scharoun-Saal des Deutschen Architektur Zentrums DAZ in Berlin-Mitte zu Gast und verdient einen großen Zuspruch besonders durch Einzelhändler, Handwerker, Bau- und Wirtschaftsfachleute, Stadtplaner, Architekten und Designer. An einer Pinwand in der Ausstellung können sie übrigens gleich auf „Partnersuche“ in puncto Altstadt und Werbung gehen und auch ihre eigenen Visitenkarten und Leistungsangebote hinterlassen. So sollen schon einige überregionale Kontakte zustande gekommen sein – ein sehr zweckdienlicher Service, denn allenthalben mangelt es nach den Erfahrungen der Stralsunder beispielsweise an kompetenten Handwerkern, die alte Techniken noch beherrschen.
Neben vielen Anregungen wirft die Ausstellung freilich auch mancherlei Fragen auf, so nach der Finanzierbarkeit vorbildlicher Werbung und konsequenten Stadtmarketings oder nach effizienten Strategien für eine identitätsstiftende Leitbildentwicklung in kleinen und mittleren Städten mit historischer Bausubstanz bei drückendem Investitionshunger. Wie brennend diese Probleme sind, ist in der kleinen, absichtsvoll parallel laufenden Ausstellung „Quedlinburg – Metropole des Mittelalters“ im Foyer des DAZ zu erfahren.
Feste Termine für Gesprächskreise zu beiden Ausstellungen im DAZ und ein großes Abschlußsymposium am 22. August bieten Gelegenheit zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Günter Höhne

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(Veröffentlichung in Der Tagesspiegel, Berlin, 1996; in alter Rechtschreibung belassen)

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