Spur der Späne

Gerd Kaden, 1949 im erzgebirgischen Seiffen geboren, erlernte dort den Beruf des Holzspielzeugmachers, schloss danach in Schneeberg das Studium im Fach Holzgestaltung mit dem Formgestalter-Diplom ab, arbeitet seit rund 25 Jahren in dem Metier freiberuflich und seit 1986 auch als Lehrender am Fachbereich Angewandte Kunst Schneeberg der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Seit 1992 hat er hier die Professur Holzgestaltung inne. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit seinem Sohn Matthias in Neuhausen bei Seiffen das Familienunternehmen Kaden & Kaden Holzgestaltung, wo es sich mit einem SPIELZEUGHAUS als „Ständige Ausstellung Holzspielzeug und Holzgestaltung“ präsentiert. In Seiffen wird ein selbständiges Ladengeschäft unterhalten, das neuerdings auch den virtuellen Einkauf hochwertigen konstruktiven Holzspielzeugs per Internet bietet. Gerd Kaden als Designer, Didakt und handwerklicher Unternehmer steht als lebendiges Beispiel dafür, wie regional gewachsene gestalterische Handwerks-Tradition und moderner Innovationsgeist diesen sächsischen Tugenden, wenn sie sich ergänzen, zu Weltgeltung verhelfen können.

Alle reden heute von Globalisierung. Für Gerd Kaden ist der Globus seit je her das Maß fast aller Dinge, die in seiner Werkstatt das Licht der Welt erblicken, ja „ist das Universum Vorbild“, wie er sagt. Und er meint damit nicht im übertragenen Sinne das kleine, hübsche Universum der hölzern–miniaturisierten Erzgebirgswelt, die in Nussknacker-, Räuchermännl-, Bergmann- und Lichterengelparaden auftritt, als Klöppelstuben, so groß wie eine Zigarrettenpackung, oder die als Kuh, Pferd, Schaf und Kurrendesänger aus der Spanschachtel daherkommt und besonders in der Vorweihnachtszeit Seiffen mit kauffreudigen Eintagstouristen nicht nur aus Japan und Amerika, sondern sogar aus Bayern und Ostfriesland beglückt.[paycontent]

Nein, wenn Gerd Kaden von seiner Spielzeugwelt spricht, dann hat er tatsächlich einen universellen Anspruch im Auge: „Spielzeug ist Abbildung und Übersetzung des Universums in Verbindung mit der kindhaften Phantasie, die ja selbst so universal endlos ist, wenn man ihr Gelegenheit dazu gewährt.“ Und die beste, kompakteste und zugleich unendlich mannigfaltigen spielerischen Umgang bietende Grundform, die ihn als Holzgestalter seit 25 Jahren umtreibt, ist – die Kugel. Was sonst. „Die Kugel als technisches und zugleich universelles Element mit seiner Faszination an Form und Eigenschaft. Und Holz als natürliches Material mit all seinen haptischen und ästhetischen Momenten. Geruch, Klang und Optik im Spannungsfeld von Spiel und Spaß!“ Gerd Kaden, der Erfinder der hölzernen Zauberkugel als der natürlichen kleinen Schwester des Globus, schwärmt nur so von ihr.

Mit einer Kugel, genauer gesagt einem „Kugelbahnbaukasten“, begann auch 1975 die berufliche Laufbahn des Holzgestalters so richtig. Und was in jenem Jahr als Exponat auf der VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden Premiere hatte (diese jeweils in Abständen von mehreren Jahren veranstalteten zentralen Großveranstaltungen boten immer auch eine Spezialschau angewandter Kunst und industrieller Formgestaltung), läuft und läuft und läuft bis heute. Das Steckspiel elementarer Sperrholzformen fürs Kinderzimmer, deren Viertelkreis-Teile sich über viele Etagen zu Spiralen, Kaskaden und Achterbahnen montieren und mit einem oder auch zwei Dutzend bunter Kugeln „bespielen“ lassen, entwickelte sich zu einer großen Baukasten-Familie, aus der mittlerweile sogar regelrechte Hallen-Spielgeräte hervorgingen – nicht zu verwechseln mit Spielhallen-Geräten. Deren Kugelläufe dienen bekanntlich eher dem puren Geldkreislauf als kreativer Selbstentfaltung.

Als „Riesenmurmelbahn“ und Hauptattraktion präsentierte sich das bisher ausgewachsendste Exemplar der Kadenschen Kugelweltspiele vom November 1998 bis Ende Januar 1999 in der documenta-Halle von Kassel zur damaligen Ausstellung „Holzspielzeug aus Deutschland und Russland“: 200 Holzkugeln rollten und sprangen hier zum Gaudi von Kindern und Erwachsenen über 12 Etagen und bis zu 17,5 Meter lange Passagen, insgesamt mehr als 20 „Streckenabschnitte“. Den auf ihrem 115 Meter langen Weg vom Start zum Ziel zurückgelegten Höhenunterschied von anderthalb Meter überwanden sie – völlig ohne schräge Ebenen auf einem Flächengerüst voranmurmelnd oder von Stufe zu Stufe polternd – angetrieben allein durch je ein Viertelkreisbogen-Bahnelement von einer Etage hinunter zur anderen.

Nun hat die einmal ins Rollen gebrachte Erfindung die Jahrtausendschwelle übersprungen: Auf der EXPO 2000 wird Kadens Spielstation „Kugelwelt“ gar 200 Quadratmeter begehbare und auch behindertengerechte Fläche in Beschlag nehmen, so etwas wie ein Stück Weltkugel assoziieren, mit Flussläufen, Straßen, Landmarken und Architektur.

Angefertigt wird das ganze System, vom 1:10-Modell bis zu allen Einzelteilen und Kugeln in Original-Baugröße, in der eigenen Werkstatt. Die kommt längst ohne Rechnerverbund mit dem Entwurfsatelier und ohne CNC-Fräsmaschine nicht mehr aus. Dass Gerhard Kaden mit 50 Jahren als eingefleischter Holzwurm auch noch einmal ein richtiger Computer-Freak werden und eine programmgesteuerte Maschine als Gesellen an seiner Seite haben würde, davon war noch nicht einmal zu träumen, als der junge Freiberufler 1978, nach seinem ersten Achtungserfolg mit dem Kugelbahnbaukasten auf der VIII. Kunstausstellung in Dresden, in Neuhausen eine eigene Werkstatt einrichtete.

Aus der sind mittlerweile nicht nur mannigfaltige andere konstruktive (mit Vorliebe aber doch Kugelspiel-) Kreationen, komplette Spielplatzsysteme für den öffentlichen Raum sowie Kunst- und Interieurobjekte ans Tageslicht getreten. Die Spur der Späne führt auch hinüber nach Schneeberg, in die Fachhochschule, in der Kaden dereinst sein Designerdiplom erhielt, und nach Seiffen, in das im doppelten Wortsinne erzgebirgische Spielzeugdorf schlechthin.

Freiberuflich arbeiten bedeutete für Gerd Kaden nämlich nie, sich in eine Freiheit der Unverbindlichkeit zurückziehen, sich absondern zu wollen, mehr oder weniger in aller Ruhe sein „eigenes Ding“ zu machen. Die freiberufliche Tätigkeit zwischen angewandter Kunst und industriell zu verfertigendem Holzdesign, hier vor allem für den konstruktiven Spiel- und Erlebnisbereich, hielt ihm vielmehr schon zu DDR-Zeiten das Blickfeld frei auf einiges, was andere, in ein strenges Planerfüllungs-Betriebsregime eingespannte Kollegen der Designbranche nicht so intensiv wahrnehmen konnten wie er: die wenig optimistisch stimmende Situation des handwerklichen und gestalterischen Berufsnachwuchses „in Sachen Holz“ etwa. In Schneeberg übernahm er deshalb ab Mitte der achtziger Jahre regelmäßige Lehraufträge im Fachbereich Holzgestaltung, nach der Wende hier die Studiengangsleitung, und 1992 wurde er Professor. Ein richtig und verdient „hochgearbeiteter“ also, was übrigens alle Schneeberger Fachhochschullehrer(innen) von sich sagen dürfen. Akademische Mückenzähler kann man hier nicht gebrauchen.

Von Kadens Hochschullehrer-Engagement in Schneeberg profitiert seit 1990 mittelbar übrigens auch das erzgebirgische Spielzeugland um Seiffen. Spielmittelbar sozusagen. Als nämlich mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit das bisherige ostdeutsche Berufsausbildungssystem obsolet geworden war, galt unter anderem auch „Holzspielzeugmacher“ nicht mehr als anerkannter Ausbildungsberuf, musste dessen bundesweite Anerkennung nun erst neu erwirkt werden. Gerd Kadens aktiver „Einmischung“ ist es mitzuverdanken, dass innerhalb kurzer Zeit eine entsprechende reformierte Ausbildungsordnung entstand. In deren Gehalt sind nun stärker auch gestalterische Aspekte eingeflossen, die den Auszubildenden neben dem Beherrschen handwerklichen Könnens auch Orientierung angedeihen lassen für eine zeichnerische und inhaltliche Auseinandersetzung mit traditionellen und neuartigen Spielmitteln.

Neben der neuen, zu größerer kreativer und wirtschaftlicher Selbständigkeit führenden Lehrmethode in Seiffen erregte zugleich auch etwas sehr Gegenständliches in der Fachwelt Aufsehen: die dreidimensionale Vorlage für ein Sortiment von Mustern und Modellen, dessen Anfertigung durch die Auszubildenden deren handwerkliche und ästhetische Fertigkeiten in puncto Drechseln, Sägen, Malen, Spanen und Schnitzen objektiv nachweisen kann. „Lehrproduktion Holzspielzeug“ heißt dieser musterhafte Formen- und Farbenkanon, und für ihn wurde sein Schöpfer Gerd Kaden 1992 das erste Mal mit einem Sächsischen Staatspreis für Design ausgezeichnet.

Inzwischen war er schon dreimal erfolgreich dabei, wenn sächsische Spitzen-Designleistungen zu jurieren waren, die letzte Auszeichnung erhielt er 1999 für seine neueste Kugelbahn-Kreation, eine CNC-gefräste Labyrinth-Rennstrecke. Und das Seiffener Lehrkonzept wie das von Kaden gestaltete Lehrsortiment an neuen Spielzeugen haben mittlerweile eine solide Grundlage dafür geschaffen, dass die sächsische Spielzeugindustrie erfolgreich auch ins neue Jahrtausend mit hineinwachsen kann, dass die Abgänger der neuen Ausbildungswerkstatt für Holzspielzeugmacher und Drechsler in Seiffen den Schritt ins Berufsleben heute und morgen ohne Stolpern meistern.

Im neuen Spielzeugmuseum von Seiffen ist neben zauberhaften historischen und traditionellen Schaustücken auch eine Vitrine mit Gerd Kadens „Lehrproduktion Holzspielzeug“ zu betrachten – aber übrigens unter anderem auch sein unverkennbares Räuchermännl-Sortiment für die Firma Richard Gläser GmbH, das den schlagenden generellen Beweis dafür antritt, wie man schier unbegrenzt ganz Individuelles aus einem intelligenten Bausatz heraus gestalten kann. Und unten im Foyer tüftelt ein von seinem Tun sichtlich gefangener Knabe an Teilen des dort bereitliegenden Holzkonstruktions-Gewirrs „Der kleine Architekt“ von Kaden & Kaden herum, ein ebenfalls schon zu sächsischen Designpreis-Ehren gekommenes Strukturspiel. Wer es nicht für möglich hält, dass zehn- bis zwölfjährige Jungen (und Mädchen) heute noch mit einem Holzbaukasten hinterm Fernseher hervorzulocken wären, der wird hier eines Besseren belehrt.

Den „Kleinen Architekten“, obwohl in Serie produziert, erhält man kaum im üblichen Handel. Aber in Seiffen kann man ihn kaufen, in Kadens Spielzeugladen. Auch die Kugelbahn und noch vieles, vieles mehr. Das Geschäft liegt zwar schon etwas am Auslauf der Bustouristenströme, aber wer dort hin findet (und es werden immer mehr), der entdeckt dafür eben auch ganz Anderes als oben im Dorf und gönnt sich mehr Muße beim Umsehen – und Anfassen. Auch das darf man nämlich hier und kommt leicht ins Spielen und Staunen und ins Gespräch mit Gerd Kadens freundlicher Schwiegertochter an der Kasse und auch mit dem Meister selbst. „So sinnvoll, sinnenfroh und teilweise preisgekrönt meine Entwürfe sind – sie können von mir im gängigen Spielwaren- und Freizeitsortimenthandel nur sehr schlecht abgesetzt werden. Deshalb haben wir in Neuhausen auch das SPIELZEUGHAUS ausgebaut und mit allem ausgestattet, was wir zu bieten haben an Erfahrung und neuester Entwicklung. Das wird auch nach wie vor recht gut angenommen als Besichtigungs- und Spielstätte, aber den anfangs dort ebenfalls integrierten Verkauf verlagerten wir dann doch besser hierher nach Seiffen. Das ist nun mal das Mekka für Erzgebirgskunst- und Holzspielzeugliebhaber aus aller Welt. Wir sind jetzt hier mit drin – und doch ganz anders als die Anderen.“

Riesenumsatz bringt auch das Geschäft in Seiffen nicht gerade, aber einen anderen, unschätzbaren Gewinn: „Wir erfahren hier ganz unmittelbar die Reaktionen der Kunden auf unsere Produkte. Wir sehen, wer was und für wen kauft. Das ist nützlich und anregend.“ Was er aber davon hält, wenn – wie gelegentlich nicht zu übersehen – seine eigenen Produkterfindungen von anderen Spielzeugherstellern als „Anregungen“ aufgegriffen, sprich kopiert werden? „Ach“, hebt Gerd Kaden lächelnd die Schultern, „wenn geistiges Eigentum wandert und dabei die regionale Kultur positiv beeinflusst – wie sollte ich das beklagen dürfen?!“

Kaden ist nun mal ein Spurentreter. Und die Spur der Späne führt schon, wie gesagt, bis nach Hannover zur EXPO 2000. Wer weiß, wohin noch. Aber bestimmt nicht auf einem Holzweg ins 21. Jahrhundert.

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(Beitrag für die Publikation „Sachsen auf gestalteten Wegen“ 1999 des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit)

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