Stadttore, Fluchttunnel, Nachtasyle?

Die Deutsche Bahn AG modernisiert mit Macht. Techniker und Designer arbeiten an neuen Triebzuggenerationen, der Komfort fürs geschäfte- wie Ferien machende Reisevolk verfeinert sich von Fahrplanwechsel zu Fahrplanwechsel, und selbst in den Regionalzügen hat sich das Zugbegleiterpersonal zu Reisebetreuern qualifiziert, in aller Regel. Auch viele der deutschen Hauptbahnhöfe befinden sich buchstäblich im Umbruch, wie beispielsweise der Leipziger. In Berlin geht’s erst noch richtig los – bis hin zu neuen Namensgebungen. Ob sich der jetzige Lehrter zur Jahrtausendwende als Berliner Zentral-, City- oder Spreebogen-Bahnhof präsentiert und ob der heutige Hauptbahnhof wieder in Ost- oder womöglich gar Schlesischer Bahnhof zurückbenannt wird – das wissen angeblich noch nicht einmal die Götter im Deutsche-Bahn-Olymp zu Frankfurt am Main. Jedenfalls hüllen sie Wolkendunst um die vielleicht doch schon entworfenen Stationsschilder.

Auf der heute zu ende gehenden Berliner Verkehrstechnik-Messe InnoTrans ‘96 waren Bahnhofsausstattungen ein vielbeachtetes Aussteller- wie Konferenzthema. Allerdings konzentrierte man sich dabei fast ausschließlich auf die großen, spektakulären Vorhaben und die komplexe Durchgestaltung des Ambientes längs der IC- und ICE-Strecken sowie in den Nahverkehrs-Ballungsräumen. Während beispielsweise gestern auf einer öffentlichen Fachtagung des Design Zentrums Berlin (IDZ) Meinhard von Gerkan mit einem Vortrag über Bahnhöfe im allgemeinen und über das neue Konzept des Lehrter Bahnhofs im besonderen seine Kompetenz als derzeitiger Architektur-Monopolist der Deutsche Bahn AG unterstrich, rangierten Überlegungen und Angebote für eine ähnlich ambitionierte, den Geist des Ortes repräsentierende Bahnhofskultur an den Schienensträngen des regionalen Verkehrs auf Nebengleisen. [paycontent]Gerade dort aber hat die Verkommenheit von Bausubstanz, Ausstattungen und unmittelbarem Umfeld vielerorts einen besonders deprimierenden, ja abschreckenden Zustand erreicht: vergammelnde Provisorien von Anbauten, unbrauchbare Rudimente von Ausstattungen, Atemnot und Verfolgungswahn provozierende Fußgängerunterführungen, altehrwürdige Empfangsgebäude, die zu kommunalen Hinterhöfen wurden.

„Neue Stadttore“, in und an denen Handel und Wandel kulturvoll florieren und wo das Informationszeitalter an jeder Ecke „Hier!“ schreit, sollen hingegen die großen Bahnhöfe nach Willen der Deutsche Bahn AG werden, einige sind schon auf dem Weg da hin, und das ist löblich. Für die tausenden kleinen Haltepunkte und mittleren Stationen des regionalen Schienenverkehrs gibt es eine analoge programmatische Zielstellung jedoch höchstens ansatzweise. So einfach links liegen bleiben lassen will man die Kleinen freilich auch nicht. So werden hier zurzeit Zug um Zug moderne, einheitliche Streuartikel aus dem DB-Ausstattungsdepot abgeladen: metallene Abfallsammelbehälter, Drahtgitterbänke und bundesbahnblaue Informationsaufsteller. Die Tristesse des gesamten Stations-Umfeldes wird dadurch meist nur noch augenfälliger.

Alles braucht seine Zeit, sagt die Deutsche Bahn AG, es ist zu viel in Ordnung zu bringen, namentlich in den neuen Bundesländern. Hier hatten und haben zunächst notwendige gewaltige Investitionen im Hauptstreckenbereich Vorfahrt und damit im Zusammenhang die funktionale und ästhetische Renaissance der großen Bahnhofs-Knotenpunkte. Später einmal werden auch die kleineren Regionalstationen und ländlichen Haltepunkte dran sein, einer um den anderen. – Und einer wie der andere aussehen am Ende, betrachtet man die Standardisierungsentwürfe der Bahnhofsplaner genauer.

Die derzeitige desolate Situation sowie solcherart „Einheits“-Aussichten treiben Architekten und Designer in den neuen Bundesländern zunehmend um. Für ein erstes interessiertes Aufsehen bei den Planern der Deutsche Bahn AG sorgt nun endlich eine konkrete, eigenständige Gestaltungs-Initiative „Ausstattungen des regionalen Schienenverkehrs in Mecklenburg-Vorpommern“, die das Schweriner Designzentrum gestartet hat. Designer, Architekten und Vertreter der regionalen Wirtschaft bemühen sich in dem gemeinnützigen Verein mit Unterstützung der Schweriner Regierung seit gut drei Jahren auf mannigfache Weise, im Lande „Produkt- und Umweltgestaltung zu fördern“ (so eines der Satzungsziele).

Jetzt liegen nach einem einwöchigen intensiven Workshop auf Rügen mit sechs erfahrenen Gestaltern und zwei Designstudenten aus Berlin-Weißensee und Heiligendamm eigene Alternativ-Entwürfe für ein künftiges Erscheinungsbild des regionalen Schienenverkehrs zwischen Saßnitz und Wittenberge zur Diskussion vor. Landestypische und zugleich zeitgemäße Architektur-, Formen-, Material- und Farbkonzepte wurden dabei erarbeitet und vor allem strikt darauf geachtet, „daß alle realistischen Varianten ausschließlich von regionalen Produzenten, Bauausführenden und Dienstleistern umgesetzt werden können“, so Projektleiter Reinhard Otto Kranz vom Design Zentrum Mecklenburg-Vorpommern. „Das schafft Arbeitsplätze und Steueraufkommen im eigenen Lande, und wer hier an einem kleinen Stadtbahnhof oder ländlichen Haltepunkt aus dem Fenster sieht oder aus dem Zug steigt, soll auf den ersten Blick in Mecklenburg und Vorpommern willkommen geheißen werden.“

Zur Begutachtung der erstaunlich vielfältigen und teilweise ausgereiften rund 50 konkreten Gestaltungsideen waren hochrangige Vertreter der Deutsche Bahn AG aus Frankfurt am Main, Hamburg und Schwerin sowie des Landes-Wirtschaftsministeriums nach Rügen gekommen. Bei allen hörbaren Bedenken im Sinne des bereits so schön durchgestylten und durchgestellten Allerwelts-Konzeptes für eine deutsche Regionalstrecken-Ausstattung seitens der Bahnplaner sagten diese dennoch zu, 1997 gemeinsam mit den Gestaltern vor Ort an einem DB-Bahnhof im Norden ein erstes Exempel in puncto regionale Identität statuieren zu wollen. Wenn es wirklich dazu kommt und ein kultureller Konsens zwischen dem Großunternehmen Bahn und regionalen Gestalter- und Unternehmerpotentialen erzielt wird, dürfte dies interessante Perspektiven weit über die Küstenregion hinaus haben.

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(Beitrag für Neues Deutschland, 1996 – Anmerkung 2006: Weder wurde das Pilotprojekt gestartet, noch fanden die detaillierten Workshop-Ideen jedwede weitere Aufmerksamkeit bei der DB.)

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