Tücken der Kommunikationstechnik

”Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist” lautete so eine altvordere Lebensweisheit, die dereinst mein Großvater (zeitlebens Lehrer) mir jungem Hüpfer mit auf den Weg ins Leben gab. Gut Reden hatte der, doch ich wurde aus Opa gar nicht so recht schlau, wenn ich mal heimlich in seinem Bücherschrank schnökerte. Der war voller Goethes, Schillers, Lessings, Kants, Schopenhauers, Nietzsches, aber auch Marxens, Engels‘ und Stalins und Gorkis und Fontanes – und dahinter, in der zweiten Reihe: aus dem Westen mitgebrachter Goldmann- und rororo-Krimis. Damals, Mitte der fünfziger Jahre.
In friedlicher Koexistenz stand neben dem wuchtigen Bibliotheksschrank auch schon ein Fernseher Marke ”Rembrandt”, seinerzeit auch noch ein richtiges, schweres Möbel. Was da Abends in die Stube flimmerte (Fernsehen bei Tage war noch durchaus verpönt), kam freilich vom Gehalt her oft um so unerheblicher und auch im übertragenen Sinne nur immer schwarz-weiß daher, denn das sächsische Elbtal erreichten ausschließlich die hammersichelhart argumentierenden Ätherwellen aus Berlin-Adlershof. Da blieb kein Zweifel an Opas zweitem Literatur-Credo: ”Lesen bildet!”
Längst wissen wir aber inzwischen, dass auch das Fernsehen bilden kann. Nicht zuletzt, was den allgemein für gut befundenen Geschmack des Publikums betrifft. Auch den, mit dem es sich wohnlich einrichtet, um kulturvoll in die Röhre gucken zu können.[paycontent] Denn dazu gibt es jede Menge bunte Anregungen auf dem Bildschirm. Nicht zuletzt das Interieur der Sendestudios selbst steht unablässig im Dienste ästhetischen Pioniergeistes: Die heißesten Stuhlkreationen, die ausschweifendsten Sprechertische und umwerfendsten Stehpulte konkurrieren miteinander um die Gunst des Zuschauers. Ganz zu schweigen von den sich immer avantgardistischer gebenden Ausstattungen diverser Unterhaltungsprogramme. Und gar erst die speziellen Modemätzchen der Showmaster, das Wetteifern ums schreiendste Hemd, das bescheuertste Beinkleid oder die quietschfarbigsten Quadratlatschen. Hast-du-nicht-gesehen ist der TV-Kunde ins rechte Bild gesetzt, was ihm echt noch fehlte, um sich aus der grauen Herde deutscher Michelmuffel abzuheben. Auch bei ”Tagesschau” und ”heute” – bis zur Brille alles durchgestylt, freilich dezenter, seriöser.
Nur bei den Ohren hapert’s.
Nein, nicht das auffallend zurückhaltende oder gänzlich abwesende Ohr-Dekor der Moderatorinnen in den aktuellen Sendeachsen gibt Anlass zum Nachbessern. Sondern das, was bei Gesprächspartnern im Studio, auf der Showbühne oder am anderen Ende der Konferenzleitung in der Berliner Bundestagslobby partout nicht ans beziehungsweise ins Ohr gehen will: der kleine Clip zur Tonübertragung aus dem Studio. Er hält nicht. Weder an des Ministers Lauschern noch am rosigen Ohrmüschelchen des auf den Dolmetscher in der Kabine angewiesenen amerikanischen Busenwunders auf dem Sofa neben Thomas Gottschalk. Schulterzucken, Fummeln am Gehöreingang, Kommunikations-Blackout.
Was in Call-Centers, Schaltwarten und für Mobiltelefonnutzer längst kein Thema mehr ist – die Fernseh-Ausstatter packen es einfach nicht, das Fernhören. Alle Varianten gingen bisher ins Auge. Und der nächste Fernsehdesign-Versuch fürs Ohr mit Sicherheit auch wieder. Wetten dass?

Günter Höhne

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(Über Fernsehstudio-Design und das Drama mit den Ohr-Steckern für Studio- und Bühnengäste – Kolumne für die Firmenzeitschrift von S.I.V., Bad Sülze, 2000)

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