Von Schlaglochpisten und Porsche-Ossis

Das haben Goethe und 20 Jahre deutsche Einheit nicht verdient: Plumpes Argumentieren

Eine Polemik

20 Jahre deutsche Einheit. Was haben wir Ostdeutschen denn nun wirklich damit gewonnen, in die Bundesrepublik Deutschland übernommen worden zu sein?

Eine Menge. Beträchtliches, Existenzielles. Die Möglichkeit, unsere Volksvertreter frei und geheim zu wählen. Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Eine Gerichtsbarkeit als unabhängige Dritte Gewalt im Staate. Glaubens- und Religionsfreiheit. Keiner von uns wünscht sich in die Zahnarztpraxen, Gemüseläden und Kohlenkeller der DDR zurück, uns ist die Unverletzlichkeit unserer privaten Sphäre garantiert, wir können reisen, wohin wir … können, lesen und hören, was wir wollen, essen und trinken, wonach uns gelüstet, dürfen uns kleiden wie wir mögen, sogar so, als ob jeder helle Tag ein einziger Maskenball-Abend wäre.

Offizielle Jubel-Bilanzen zum Eindeutschlandjubiläum blenden ausgerechnet diese wahren, grundsätzlichen demokratischen Segnungen für die Ostmenschen seltsamerweise bei ihren Betrachtungen oft aus. Auch die jetzt veröffentlichte eines Professors für Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der auf den beziehungsreichen Namen Plumpe hört und grobschlächtig-trotzig resümiert: „Die blühenden Landschaften in den neuen Ländern gibt es in der Tat“ und „auch die Wirtschaft hat längst Tritt gefasst“. Und dies obwohl „von der Substanz des ehemals zehntgrößten Industrielandes der Welt (DDR-Propaganda) vier Jahre nach dem Untergang der DDR allein Schulden übrig“ geblieben seien.[paycontent]Immerhin habe aber die „so gut wie möglich“ arbeitende Treuhandanstalt „überlebensfähige Kerne der alten Staatsbetriebe“ in die Marktwirtschaft überführt, freilich habe das Abwickeln des großen Restes für viele Menschen auch „den Gang in die Arbeitslosigkeit“ bedeutet, „was die Orientierung in der neuen Welt der Marktwirtschaft nicht erleichterte und bei einigen bald eine dubiose DDR-Nostalgie aufkommen ließ, die innerhalb der Politik von der PDS zusätzlich bewirtschaftet wurde (…) unter tatkräftiger Mithilfe mancher westdeutscher Intellektueller, welche die Wessis im Osten auf einem großen Raubzug sahen“. Hingegen sei doch aber bei den (offensichtlich undankbaren) Ossis ein „sprunghafter Anstieg des Lebensstandards“ zu verzeichnen. Plumpes Indiz: „Heute muss niemand mehr fürchten, dass sein Auto von einem auf den anderen Tag nichts mehr wert ist oder auf einer Schlaglochpiste zu Bruch geht.“

Da sollte der Herr Professor doch einmal mit seinem Schlitten eine Slalomfahrt beispielsweise kreuz und quer durch das Berlin-Pankow von heute wagen. Stoßdämpfer und Achse adé. Aber auch ein Trip durch Mecklenburgs Städte und Dörfer oder in Thüringer Freistaatrandgebiete sei ihm empfohlen. Wie es dort wohl singen und klingen und jubilieren mag auf den Straßen und Plätzen nach einem sinnerfüllten Arbeitstag: „Die Abwanderung aus den neuen Ländern, die nach der Wiedervereinigung zunächst noch anhielt, ist heute gering.“ Ja wo nichts mehr ist, kann nichts mehr abwandern, klar.

Wo lebt der gute Mann bloß? In Frankfurt am Main, ach ja. Und von dort scheint er noch immer keinen Fuß mitten in die ostdeutschen Realitäten von 2010 gesetzt zu haben. Sonst könnte er nicht solchen Unsinn schwarz auf weiß verzapfen. Der übrigens recht erheiternd garniert, sprich fotografisch illustriert ist: mit bunt angestrichenen Potsdamer Plattenbauten und – typisches Beispiel für den neuen Wohlstand der Ossis – dem Trainingsgelände vor dem Porsche-Kundenzentrum in Leipzig. Natürlich ohne Schlaglöcher.

Mark Twain bezeichnete solche Art gedruckter verdrehter Weisheit einmal drastisch als „aus dem Geharn eines Nirren“. Es wäre auch eigentlich nicht der Mühe wert, sich damit polemisch in einem Newsletter auseinanderzusetzen, der sich ansonsten ernsthaft mit Befindlichkeiten der ostdeutschen Designszene befasst – wenn das Ganze nicht als Leitkommentar in der jüngsten Zeitschrift einer hochoffiziellen und sich deutscher Geschichtsschreibung, auch explizit Designhistorie befleißigenden Institution stünde: in der Hauspostille museumsmagazin nämlich der Bonner „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“, Ausgabe 3 dieses Jahres.

Eben jenes Haus der Geschichte nun hat vor fünf Jahren das einmalig umfangreiche Berliner Dokumentationszentrum und Museum „Sammlung industrielle Gestaltung“, die einstige und über mehr als 30 Jahre lang wissenschaftlich gepflegte staatliche Designsammlung des DDR-Amtes für industrielle Formgestaltung (AIF), vom Berliner Senat übertragen bekommen. Stiftungspräsident Hütter hatte seinerzeit in einer öffentlichen Veranstaltung am Standort der Sammlung in der Kulturbrauerei Berlin-Prenzlauer Berg versichert, man werde mit diesem Erbe gewissenhaft umgehen, es gebührend in die Aufarbeitung der Geschichte der DDR durch seine Bundes-Einrichtung integrieren. So weit so gut und verheißungsvoll. Wenn dann nicht auf Nachfrage aus dem Publikum, wie das konkret inhaltlich geschehen solle, der Bescheid gekommen wäre: exakt im Rahmen der Leitlinien für den Umgang mit der DDR-Geschichte durch die Bonner Stiftung – und diese thematische Richtschnur laute klipp und klar „Diktatur und Unrechtsstaat, Widerstand und Anpassung“.

Was seither in Herrn Hütters Museumsmagazin über den (Fort)Bestand der ostdeutschen Designsammlung veröffentlicht wurde, sind nun lediglich marginale Anmerkungen und historische Randnotizen, kaum von objektiven Lern- und Denkprozessen kündend aus dem Umgang mit einem einzigartigen Fundus von Produkt-, Alltags- und Lebenskultur-Hinterlassenschaften der DDR. Magazin-Gastkommentator Plumpe erklärt uns ja nun aber, warum das auch gar nicht anders sein kann, denn: „die ganze Wirtschaft der ehemaligen DDR war über Nacht buchstäblich nichts mehr wert!“
P.S. Als alternative unplumpe Lektüre sehr zu empfehlen: die Buchveröffentlichung von Klaus Blessing „Die Schulden des Westens. Was hat die DDR zum Wohlstand der BRD beigetragen?“, erschienen 2010 bei edition ost, ISBN 978-3-360-01816-8; € 9,95 [/paycontent]
(Auseinandersetzung mit einer Lobeshymne auf „die blühenden Landschaften in den neuen Ländern“, veröffentlicht im Museumsmagazin 3/2010 des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik. – Beitrag in Newsletter industrieform-ddr Nr. 03/2010)

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