„Bremer Preis für Designpublizistik“ 1993

Reden zur Verleihung des „Bremer Preis für Designpublizistik“ 1993 an Günter Höhne und Elke Trappschuh

Viola Hößelbarth,

Designzentrum Dresden, Mitglied der Jury:

Sehr geehrter Herr Senator,

sehr geehrte Damen und Herren, lieber Günter Höhne,

gestatten Sie mir zunächst Ihnen, Herr Senator, Dank zu sagen für die Stiftung des Bremer Preises für Designpublizistik. Dieser Preis ist in einem Bereich angesiedelt, der bisher nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland stiefmütterlich behandelt wurde. Der Designpublizist – als Design-Botschafter, Design-Übermittler und Design-Multiplikator – muss der engste Partner aller derjenigen sein, die sich des Designs und der Designförderung in der Gesellschaft angenommen haben.

Ich gehe davon aus, dass dieser Preis den Designfördereinrichtungen in Ost und West helfen wird, die noch sehr dünne Decke in diesem Bereich mit Solidität zu bekleiden.

Ganz besonders freue ich mich darüber, dass dieser erste Bremer Preis für Designpublizistik zu paritätischen Teilen an eine westdeutsche Designpublizistin, Frau Elke Trappschuh, und einen ostdeutschen Designpublizisten, Herrn Günter Höhne, verliehen wird. Beiden ist gemeinsam, dass sie ihre Kraft und ihr Engagement nun schon seit Jahrzehnten, wenn auch unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorzeichen, in tagtäglicher Kleinarbeit dem Design gewidmet haben.

Mein persönlicher Kontakt zu Günter Höhne reicht in die Zeit kurz nach der Wende in der ehemaligen DDR zurück, in eine Zeit des Suchens und des Neuanfangs. Wir lernten uns bei der Realisierung eines sehr umfangreichen Projektes des Rat für Formgebung kennen, in dem ostdeutsche Designer bereits im Frühjahr 1990 die Möglichkeit erhielten, sich zum einen über Design-Management weiterzubilden und zum anderen Designbüros und designbewusste Unternehmen in den alten Bundesländern kennenzulernen. Günter Höhne und seine Frau Claudia waren hier seitens der Noch-DDR-Designförderung die Partner für Organisation und Inhalte dieser Workshopreihe.

Zu der damaligen Zeit trug sich bereits eine Gruppe sächsischer Designer mit dem Gedanken, in Dresden ein regionales Designzentrum nach dem föderalistischen Vorbild der Bundesrepublik zu gründen. Als ich Günter Höhne von dieser Idee erzählte, begeisterte sie ihn fortan genau wie mich. Wen nimmt es daher Wunder, dass er dem gesamten komplizierten Geburtsprozess nicht nur aufgeschlossen, sondern auch helfend gegenüber stand. Im Dezember 1990 gehörte Günter Höhne dann zu den Gründungsmitgliedern des ersten und bis Juni 1993 einzigen Designzentrums in den neuen Bundesländern. Inzwischen gibt es in Schwerin das zweite ostdeutsche Designzentrum. Günter Höhne, als der unparteiische Designpublizist, leitete in diesem Falle die Gründungsveranstaltung und versuchte von vornherein, bestimmte Klippen, die sich in Dresden aufgetan hatten, zu umschiffen.

Warum habe ich Ihnen das so ausführlich geschildert?[paycontent]

Ich denke, dass daran sehr deutlich wird, wie ich den Designpublizisten Günter Höhne sehe und wie ich meine, was er selbst unter einem Publizisten versteht.

Über ein bestimmtes Gebiet zu publizieren und zu kommunizieren ist einfach mehr als schreibend und sprechend zu veröffentlichen.

Zum einen ist es das umfangreiche Wissen, und das kontinuierliche Sammeln aller Informationen, die die Grundlage jeglicher publizistischer Arbeit sind. Zum anderen kann man über bestimmte Dinge nicht schreiben, wenn man die Arbeit des anderen nicht als ernsthafte Leistung anerkennt. Dieser Grundsatz ist für Günter Höhne Arbeitsmaxime.

Als Chefredakteur der einzigen Designzeitschrift in der ehemaligen DDR „form & zweck“ hat Günter Höhne deshalb seine Redakteure hartnäckig angehalten, in die Designbüros und die Betriebe zu gehen, um mit eigenen Augen zu sehen. Und das alles unter Bedingungen, wo es keinen Designverband gab – lediglich einen Erfahrungsaustausch, den das Amt für industrielle Formgestaltung natürlich unter Einhaltung sozialistischer Staatsraison organisierte.

Günter Höhne kennt sowohl die ostdeutsche als auch die westdeutsche Designszene aus dem ff. Insbesondere nach der Wende fand er immer wieder sein Thema in der Anerkennung der Leistungen ostdeutscher Designer. Dabei geht es ihm nie um Rechtfertigung, sondern immer darum, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Daher hat Günter Höhne in den letzten drei Jahren unermüdlich nicht nur Aufsätze für die Fachpresse geschrieben, sondern er hat als Journalist für die Berliner Tageszeitung Neue Zeit versucht, dem „Normalbürger“ Dinge der Alltagskultur bewusst zu machen. Diese persönliche Mission von Günter Höhne rührt aus einer Zufallsbegegnung mit dem Bauhaus Dessau Anfang der 70er Jahre her.

Als Mensch mit vielen Interessensgebieten fand Günter Höhne 1968 den Weg zum Rundfunk, wo er durch die Gestaltung von Querschnittssendungen diese Eigenschaft der Vielinteressiertheit beförderte und kultivierte. Als er sich dann mehr und mehr mit dem Anliegen des Bauhauses, seiner interdisziplinären Arbeitsweise und seiner grenzenlosen Kommunikation auseinandersetzte, ließ ihn das Thema Alltagskultur und Design nicht mehr los. Damit wurde er auf die einzige Institution, die in der DDR Designförderung betrieb, das AiF, aufmerksam und publizierte ständig in der „Weltbühne“ und im „Sonntag“. Das trug ihm bei seinen Rundfunkkollegen den Spitznamen „Bauhäusler“ ein.

Die damalige Bewunderung der Fülle an Informationsmöglichkeiten „da drüben“, die den ostdeutschen Designern und Publizisten nicht zuletzt aus der Situation des Kalten Krieges heraus verschlossen blieben, erklären sein heutiges publizistisches Streiten für Gerechtigkeit, für die Anerkennung einer Kreativität, die nicht besser oder schlechter, aber anders mit einer eigenen Qualität ist. Seine plötzlich entstandene Liebe zum Bauhaus erklärt seinen ständigen Hunger nach Information und Weiterbildung.

Ich möchte Günter Höhne heute und hier danken für kreative, informative, klug eingesetzte Worte, für sachlich richtige Information, für engagierte Geburtshelfertätigkeit beim Dresdner und Schweriner Designzentrum, für Akzeptanz, Achtung, Lob und Tadel der Leistung anderer und hoffe auf seine weitere kommunikative und publizistische Hilfe bei der Förderung des Designs in der Bundesrepublik Deutschland und bei der Zusammenarbeit mit den Designern selbst.

Es gibt noch viel zu tun, um dem Design und den Designern den Platz in Industrie und Handwerk einzuräumen, der ihnen gebührt. Es sind Unverständnis und Hemmschwellen auf beiden Seiten, die es insbesondere mit Hilfe der Designzentren und der Designpublizisten zu überwinden gilt.

Lassen Sie mich mit Worten von Günter Höhne enden, die er in einem Gespräch mir gegenüber äußerte:

„So, wie sich Reimerei zu wirklicher Lyrik verhält, so verhält sich Styling zum guten Design: Es ist der Unterschied zwischen bloß Formalem und echtem Format. Deswegen gehöre ich auch nach wie vor zu den Verfechtern GUTEN Designs, auch wenn dieser Begriff ins Gerede gekommen ist.“

Das ist auch meine Sicht auf den Stand der Dinge, daher habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Günter Höhne:

Verehrter Herr Senator,

sehr geehrte Damen und Herren Juroren, liebe Gäste,

ihnen allen herzlichen Dank – dafür, dass sie mich für würdig befunden haben, heute an dieser Stelle stehen zu dürfen, an der ich mir auch andere denken könnte, danke, dass Sie mir die Ehre Ihrer Anwesenheit geben.

Ich gestehe gern, dass es für mich eine ganz besondere Freude ist, diesen schönen Preis in Bremen, von Bremen verliehen zu bekommen. Was nämlich weder die Jury noch der Herr Senator wissen können: Ich bin auf eigene Weise schon seit geraumer Zeit mit dieser Stadt und einem bewussten Teil ihres Umfeldes verbunden.

Als ich im Kalten-Kriegs-Februar 1962 als 18jähriger Lehramtsanwärter in Sachsen aufgrund einer Denunziation fristlos aus dem Schuldienst entlassen und zur „Bewährung in der Arbeiterklasse“ als Schmiedehelfer in ein Stahlwerk geschickt wurde wegen „schwerer politisch-ideologischer Verfehlungen“, wie es hieß – da wurde mir vor allem auch der sehr rege Briefwechsel mit einem gleichaltrigen Freund im westdeutschen Bremen angelastet.

Später war es Heinrich Vogeler, der mein Interesse an Bremen und nun natürlich auch an Worpswede anfachte. Neben Vogeler traten die anderen Worpsweder in meinen Gesichtskreis, und meiner Mutter danke ich es bis heute, dass sie als Rentnerin und damit „Reiseberechtigte“ mich von ihren paar „Westkröten“ stapelweise mit Reproduktionen und Ansichtskarten von hier versorgte. Und als ich mich 1990 ins Auto setzte, um zu erfahren, wie es denn nun wirklich aussähe jenseits der Elbe, ging diese erste Reise und die zweite gleich noch einmal – nach Bremen und Worpswede. Schließlich konnte ich aber auch, in aller Bescheidenheit sei es erwähnt, etwas für Bremen tun. Ich engagierte mich 1991 ein wenig mit für die „innoventa“ hier, indem ich ein Designer-Ehepaar aus dem östlichen Harzvorland in den Kreis der zwölf Wettbewerber um die Gestaltung des innoventa-Sympathiebildes einbrachte. Zwar wurden sie nicht zu Siegern gekürt, aber ich denke, sie blamierten sich und mich auch nicht.

Und nun dieser Preis für mich hier.

Ich bedanke mich sehr bei der Jury für ihr Wohlwollen, bei Viola Hößelbarth für ihre mich einigermaßen in Verlegenheit bringende Laudatio und bei Herrn Senator Jäger für die mir von ihm zuteil gewordene Ehre.

Dass die Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen offenbar in einer langen Tradition der Beförderung von Kunst und Kultur, einschließlich sozialer und Industrie-Kultur, stehen, erfuhr ich aus Heinrich Vogelers Lebensbericht „Werden“. Über das Jahr 1905 notiert er unter anderem:

„Der regierende Bürgermeister von Bremen, Dr. Markus, dem Bremen die große Weserkorrektion verdankt und die technischen Anlagen am Freihafen, hatte großes Interesse an meiner Arbeit, die er angeregt hatte. Alle künstlerischen Fragen waren ihm von Wichtigkeit“.

Nicht zuletzt danke ich auch meiner Familie dafür, dass ich mir diesen schönen Preis überhaupt verdienen konnte. Denn ohne ihr Verständnis für meine designpublizistische Arbeit, die fast ausschließlich zur Nacht-, Wochenend-, und Ferienarbeit geriet in den letzten beiden Jahren als wahrlich gut ausgelasteter Redakteur der überregionalen Ostberliner Tageszeitung NEUE ZEIT, ohne die Unterstützung vor allem meiner Frau hätte ich kaum einiges doch offenbar Vernünftige außerhalb des permanenten redaktionellen 10-Stunden-Tagesgeschäftes zustande gebracht. Schade, dass meine Mutter diese Stunde nicht mehr miterleben kann.

Sie teilte meine Zuneigung zu Heinrich Vogeler – und zu einem weiteren meiner Vorbilder, zu Heinrich Böll. Ein Zitat von ihm, mit dem ich schließen möchte, hängt als Poster in meiner Redaktionsstube in Berlin, wo ich fortan und hoffentlich noch lange für gute Architektur und gutes Design, für verantwortungsvolle Alltagskultur also, publizistische Lanzen brechen kann.

Dies sagte Böll in seinen Frankfurter Vorlesungen 1964, und es ist so bedenkenswert wie vor fast 30 Jahren:

„Die Humanität eines Landes lässt sich daran erkennen, was in seinem Abfall landet, was an Alltäglichem, noch Brauchbarem, was an Poesie weggeworfen, der Vernichtung für Wert erachtet wird“.

Ich danke Ihnen.[/paycontent]

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