Glück & Glas?

Das Fragezeichen hinter dieser Begriffspaarung mag Sie irritieren.

Sehen Sie es ruhig auch als etwas Transparentes und Transluzentes an – so wie das Glück uns schöne Ausblicke eröffnen, aber den Blick auch trügerisch verschleiern kann – wie eben auch Glas. Besonders der zu tiefe Blick ins Glas.

 

Und stellt sich doch auch, zumal im Hinblick auf die Zukunft der Glasindustrie in Ost- und Mitteldeutschland im Allgemeinen und in Derenburg im Besonderen die Frage: Kann man mit Glas hier noch sein Glück machen? Als Unternehmer, als Gestalter, Gestalterin? Haben Kunsthandwerk und Design hier noch echte Chancen? – Auf diese beiden verwandten, aber auch immer wieder als unterschiedlich markierten Herangehensweisen bei der Gestaltung für die Serie, auf Kunsthandwerk und Industriedesign, will ich im folgenden noch etwas näher zu sprechen kommen.

 

Glück und Glas – wie leicht bricht das. Wer kennt es nicht – dieses Sprichwort und diese Erfahrung. Und wer kennt noch weitere geflügelte und Sprich-Worte zum Stichwort Glas? Da gibt es nicht viele.

Mit dem Schlagwort „Glück“ verhält es sich da ganz anders (übrigens: in Verbindung mit „Glas“ verbietet es sich ja von selbst, von „Schlagwort“ zu sprechen).

 

Also „Glück“: Seitenweise in den einschlägigen Zitatenlexika und Sprichwörterbüchern vertreten! Zwei weise Aussprüche fand ich da, die mir aber im Hinblick auf die Glasmacherei und die Glaskunst – mithin auf dieses (glückliche) Ausstellungsende der Amelingschen Gebrauchskunstwunderwelt – besonders zutreffend erscheinen:

 

Glück ist Luxus, aber Vollendung Notwendigkeit“, sagt der Philosoph Feuerbach.

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„Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen,

wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will.

Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen – sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein.

Sagt Goethe.

 

Brecht zitierend spannen wir dann den Bogen vom Glück zum Künstlerischen:

„Ja renn nur nach dem Glück / Doch renne nicht zu sehr! / Denn alle rennen nach dem Glück / Das Glück rennt hinterher“– und: „Die künstlerische Gestaltung besteht ja gerade darin, einer Sache Wichtigkeit zu verleihen.“ (Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit)

 

„Einer Sache Wichtigkeit zu verleihen“, das meint hier, ihr ein spezifisches Gewicht zu geben, ein Merk-Mal, das sie aus der „rohen Materie“ unverwechselbar eigenständig hervortreten lässt. Im glücklichsten Falle wird aus dieser Wichtigkeit in unserer Lebenswelt sogar Maßgebliches, ja Maßstäbliches – ein Klassiker des Kunsthandwerks und des Designs, wie bei Marlies Ameling etwa die Glasserie Mischa. Die würde sich womöglich ein Wilhelm Wagenfeld heute kaufen, eine Ilse Decho ganz bestimmt.

 

Ich sage Klassiker des Kunsthandwerks UND des Designs. Es gibt da ja viel häufiger das vor allem in Deutschland gebräuchliche ODER in diesem Zusammenhang: (Kunst)handwerk ODER Design. Kunsthandwerker(in) ODER Designer(in). Welch Widersinn!

Wissen Sie, was passiert, wenn im Rahmen einer Industriedesignentwicklung der handwerkliche Modell-, Muster- oder Formbau schlampt? Pfusch, vergeudete Entwicklungskosten.

Wissen Sie, was uns begegnet, wenn Designer, die nichts vom Konstruktions- und Ergonomiehandwerk verstehen, auf dem Markt der postmodernen Spaßgesellschaft zum Zuge kommen? Stühle, auf denen keiner sitzen kann, Schreibtische, an denen keiner arbeiten kann, Garderoben, die keinen Wintermantel aushalten. – „Designermöbel“ eben.

Interessant, wie aktuell sich der gute alte Hegel in diesem Zusammenhang zitieren lässt:

„Eine Reihe von Witzen und Empfindungen bunt durcheinander zu würfeln und dadurch Karikaturen der Phantasie zu erzeugen ist leichter, als ein in sich gediegenes Ganzes (…) zu entwickeln und abzurunden.“ – (…) Jetzt (…) sollen die mattesten Trivialitäten, wenn sie nur die äußere Farbe und Prätension des Humors haben, für geistreich und tief gelten.“

Hegel vor 170 Jahren also.

 

Nicht mehr bloß albern, sondern bedenklich, ja entsetzlich wird es freilich, wenn mangelnde handwerkliche Sorgfalt an einem so hochkomplexen industriell designten Hightech-Produkt wie der NASA-Weltraumfähre zur Wirkung kommt. Oder bei der Produktion und Steuerung hochgelobter, sogenannter „sauberer“ Präzisionswaffen, wie sie jetzt wieder im Irak-Krieg seitens der USA und Großbritanniens zum Einsatz gelangen.

Achten wir also Handwerk und Kunsthandwerk nicht gering! Auf das Kriegshandwerk können wir freilich gern verzichten.

Wer kam denn nun aber bloß auf die vertrackte Feindbild-Idee „Design kontra Handwerk/Kunsthandwerk“?

Ausgerechnet sogar Leute wie ein Mart Stam. Er aus einem radikalen bauhäuslerischen Sendungsbewusstsein heraus, als er (zunächst absolut nachvollziehbar) in einer Rede in Leipzig 1950 die althergebrachte Auffassung anprangerte (ich zitiere), „ dass alle industrielle Ware als zweitrangig und das handwerkliche Produkt als das bessere und wünschenswertere zu betrachten sei“.

 

So weit so gut. Nur seine Schlussfolgerungen daraus sind fatal:

„Die industrielle Gestaltung steht im Gegensatz zum Nicht-Industriellen, zum Halb-Industriellen (…), zur handwerklichen Serie, (…) zum Kunsthandwerk“, postuliert er und beschwört die Zuhörerschaft damals im Leipziger Messeamt: „es sollte doch (…) selbstverständlich sein, dass heute ein handgewebtes Stück, ein handgeschmiedeter Beleuchtungskörper (…) überholt und lächerlich sind.“ (…)

„Der neue Arbeiter wird nicht daran denken, handgewebte Stoffe, handgestrickte Strümpfe und handgebundene Bücher zu verlangen“, versichert Mart Stam.

 

Das Fatale an solch engstirnigen Industriekultur-Alleinvertretungsanmaßungen ist nicht die ihnen innewohnende kulturelle Verblendung. Die wäre nur ein Problem ihrer Autoren. Katastrophal war bei Mart Stam, dass diese Radikalisten mit ihrer absurden Polarisierung die auf dem Fuße folgende sogenannte „Formalismusdiskussion“ der stalinistischen SED-Kulturwächter unbedacht aktiv mit los traten – und dass dieser ganze Unsinn vom konstruierten Gegensatz Handwerk/Kunsthandwerk hie und Industriedesign da weder seinerzeit noch bis heute wirklich aus-diskutiert wurde.

 

Aber vielleicht ist das auch gar nicht so dringend nötig. Die betroffenen Praktiker selbst sehen das wohl einigermaßen entspannt und überlassen das Feld solcher kulturideologischen rhetorischen Spiegelfechtereien den Spezialisten dafür, den Theoretikern. Und die Gestalter und Gestalterinnen tun zur Sache und für sich persönlich etwas schlichtweg Entwaffnendes:

Mir begegnet nämlich in letzter Zeit folgendes Phänomen: Designer im jetzigen Ruhestand, gestandene Leute der Industrieformgestaltung, die 30, 40, 50 Jahre lang nichts anderes getan haben als Gebrauchsgüter, Maschinen oder Fahrzeuge zu entwerfen oder in der Industrie gestalterisch anleitend tätig zu sein, „vergreifen sich“ heute, als 70/80Jährige, an Pinsel, Zeichenstift und Stichel.

 

Erich John, einer der längstgedienten und profiliertesten Industriedesigner Ostdeutschlands ist heute regelmäßig auf Mittelmeerinseln und in Nordafrika unterwegs, um zu Hause in Berlin dann wie ein Besessener aus seinen Skizzen von dort zunehmend handwerklich (!) und künstlerisch höchst achtbare Landschaftsgemälde zu fabrizieren. Das ganze Haus hängt schon voll davon. Schließlich gehörte ja zum Industrieformgestalterstudium in der DDR eine solide künstlerische Grundlagenausbildung – jetzt bricht das wieder aus ihm heraus.

 

An gleichnishaftem Witz in diesem Zusammenhang nicht zu übertreffen ist folgende Episode: Beim Zeichnen im marokkanischen Wüstensand verlor Erich John unlängst auf Nimmerwiedersehen ein Okular seines Rathenower Bausatz-Fernglases „Unistar“, eines der Klassiker des DDR-Designs der 60er Jahre…

Kunst und Design – hier nun leider doch mal eine zum Nachteil, zum Totalverlust des Designs gereichende Konstellation.

 

Oder Jürgen Peters, wie Erich John einer der ersten Formgestaltungsdiplomanden der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, 1959/60 zum Beispiel Mitgestalter der wirklich revolutionär-modernen DDR-Fernsehgeräte Weißensee und Alex oder der weltweit ersten serienmäßigen Spiegelreflexkamera in Rahmenbauweise „Pentina“. Später war Peters jahrelang mit John am Berliner Zentralinstitut für Gestaltung tätig.

Vor 14 Tagen nun blättert er mir Mappen um Mappen mit zauberhaften Aquarellen aus dem vergangenen Sommer auf. Und was tut der vor dem Formgestalterstudium gelernte Kunstschmied sonst noch heute? – Haut in der Werkstatt hinter seinem kleinen Häuschen in Neuenhagen bei Berlin seit gut 10 Jahren wieder auf den Amboss. Macht Wetterfahnen für restaurierte märkische und brandenburgische Dorfkirchen, Leuchter, übermannshohe metallene Windspiele, Skulpturen.

 

Ein dritter Weißenseeer derselben Generation – Ekkehard Bartsch – war nach seinem erfolgreichen Start als Formgestalter (unter anderem in der Rundfunk- und Fernmeldetechnik-Industrie der DDR) dann lange Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter im Amt für industrielle Formgestaltung der DDR. – Im vergangenen Jahr konnte ich auf seiner ersten Druckgrafikausstellung in Berlin-Marzahn die Laudatio halten. Bartsch ist seit einigen Jahren Mitglied in einem entsprechenden künstlerischen Laienzirkel und erfindet nun wunderbare Aquatinta- und Kaltnadellandschaften. Das disziplinierte Design ist gelebt, es lebe die freie Kunst.

 

Andere Industrieformgestalter wie die im Mai 80 Jahre werdende Glas- und Keramikentwerferin Margarete Jahny oder der Allround-Perfektionist Clauss Dietel mussten ihre Liebe zur freien und angewandten Kunst nicht erst so spät wieder bzw. neu entdecken – sie sind mit ihren zwei Seelen namens „Serienproduktkultur“ und „künstlerisches Unikat“ in der Brust nicht nur stets ganz gut ausgekommen, sondern haben gerade aus diesem ständigen inneren Dialog einzigartig Schönes für die große Serie geschöpft. So wie ja auch Marlies Ameling.

 

Ich hatte ja schon lange den Verdacht, dass sich in den Köpfen der für die industrielle Serie gestaltenden Frauen und Männer mehr bewegt als das Kreisen um zweckformale Gestaltlösungen und das Abarbeiten von Pflichtenheftvorgaben. Bei meinen ersten Besuchen als Redakteur von form + zweck in Gestaltungsateliers von Kombinaten und Betrieben der DDR vor 20 Jahren überraschte es mich schon, dass die Bespannungen der Zeichenbretter dort immer wieder mit feinen Porträtskizzen, Ornamenten, Kalligraphien, Stillleben und anderen künstlerischen Impressionen gesäumt waren. Seither hatte ich niemals daran gezweifelt, dass Gestaltung auch Kunst ist und solides Handwerk – eben Kultur ist, wie Clauss Dietel sagt.

 

Und hier gelangen wir mit einem Mal zu einem anderen Kapitel von Begriffs-Auseinandersetzung, das mir dann am Ende doch noch wesentlicher erscheint als der Streit um des Kaisers Bart bzw. seine alten und neuen Kleider mit den Aufnähern „Kunsthandwerk“ und „Design“. Es betrifft das Design als Prozess an sich: Ist das wirklich nur ein „Wirtschafts- und Marktfaktor“, wie in verschiedentlichen Mangement- und Marketingfibeln festgeschrieben oder in einer vor 5 Jahren groß angekündigten, aber sehr bald sang- und klanglos verpufften „Designinitiative der deutschen Wirtschaft“ beschworen?

 

Ist Design nicht ebenso Kulturfaktor, Kultur-Verpflichtung für ein Unternehmen, das sich der wirtschaftlichen und sozialen und moralischen (!) Aufgabe stellt, Gebrauchsgut – gebauchs gut! – auf den Markt zu bringen? Die Unternehmen, die das heute so sehen, können Sie mit der Lupe suchen in Deutschland. Wenn entsprechende Recherchen ergeben haben, dass heute wie vor 10 und auch schon vor 20 Jahren nur maximal 15 Prozent aller designrelevanten deutschen Herstellerfirmen auch wirklich eine langristig orientierte, konsequente Designwirtschafts- und –kulturpolitik in ihrem Hause betreiben, dann spricht das Bände. Und dann ist es zwar traurig, aber verwundert gar nicht so sehr, dass von Unternehmens-Glücksrittern verursachte Design-Umbrüche und Designkultur-Zusammenbrüche – wie leider zu befürchten auch bei Harzkristall in Derenburg – immer wieder an der Tagesordnung sind. Rein in das Lampenglas, raus aus dem Lampenglas?

Glück und Glas, wie leicht bricht das.

 

Wobei wir wieder bei den geflügelten und Sprichwörtern wären, beim letzten für heute zum Thema:

 

Es kommt aus dem Lateinischen, lautet „horror vacui“ und bezeichnet ganz allgemein das „Grausen vor der Leere“. Womit ursprünglich die alten Römer nichts anderes meinten als ihr Grausen – vor leeren „Römern“, vor leeren Gläsern.

 

Auch wir sollten uns nun an Marlies Amelings leeren Gläsern hier in der Moritzburg satt – oder zutreffender: durstig gesehen haben. Erheben wir also gleich die vollen – auf gute kommende Jahre für die Amelings, für die Derenburger Glasmacher und natürlich auch für die famose Staatliche Galerie Moritzburg.

 

Und weil’s so schön hier her passt und wir uns mit lachendem Auge zuprosten wollen, noch einen der schönsten sächsischen Kalauer zum Schluss:

 

Fragt so ‘n hinzugekommener Witzbold einen Sachsen:

„Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Römern und Griechen?“

„Nee, das wees’sch nich so genau“, bekennt der Eingeborene.

„Na ganz einfach: Aus Römern kann man trinken, aber aus Griechen nicht – haha!“

Der Sachse: „Das verstejich nich. Wieso gann mer denn auch Kriechen nich drinken?“

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(Vortrag zur Finissage der Ausstellung „Marlies Ameling Glasdesign“ an der Staatlichen Galerie Moritzburg Halle am 30. März 2003)

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