Stehengelassen

In der Berliner Sammlung Industrielle Gestaltung: Interieurs und Ponderabilien aus den Kommandozentralen der DDR

 

Da stehen sie nun: die erblindeten Überwachungsmonitore, das geleerte Standaschenbechersortiment, die verwaisten Politbüro- und Ministerratskonferenzmöbel, das Kantinen- und das Festgeschirr und die Normaluhr (diese auf fünf nach zwölf) aus den einstigen Ostberliner Schaltzentralen der „ersten Arbeiter- und Bauernmacht auf deutschem Boden“. Und da hängen sie: die Konterfeis der Verfasser des Kommunistischen Manifests Marx und Engels und deren „rechtmäßiger Erben“, wie sie sich in aller Bescheidenheit nannten, der Honecker und Ulbricht, Breschnew und Castro und Lenin natürlich. Stalin und ein paar andere aus der Erbfolge fehlen. Man ging ja bei der Ausgestaltung der Abteilungs- und Sekretariatsräume des SED-Zentralkomitees am Werderschen Markt und des Regierungssitzes in der Klosterstraße durchaus mit der Zeit – eben bis es fünf nach zwölf war und man nicht einmal mehr Zeit hatte, den Rückzug geordnet und unter Mitnahme der Ponderabilien anzutreten.

Und wo steht und hängt das und vieles weitere nun? Im Wirtschaftsgebäude einer längst aufgegebenen alten Brauerei im Berliner „Szene“-Stadtbezirk Prenzlauer Berg, in Szene gesetzt hier in den Ausstellungsräumen der „Sammlung industrielle Gestaltung“ der Stiftung Stadtmuseum Berlin unter dem Titel „Hinterlassenschaften“. Besagte Sammlung, noch zu DDR-Zeiten unterm Dach des Amtes für industrielle Formgestaltung von ihrem heutigen Leiter Hein Köster gegründet, verschreibt sich erklärtermaßen der konsequent sachlichen historischen und designwissenschaftlichen Erfassung und Aufarbeitung alltäglicher, aber auch mit einem genuinen „gehobenen“ Design-Anspruch daherkommender deutscher Industrieprodukte vornehmlich (aber nicht ausschließlich) nach 1945. Diesem Anspruch wird sie – und das ist nun gar nicht so selbstverständlich, sondern eher ein kleines Wunder – auch mit dieser Zurschaustellung Hunderter großer und kleiner Haushaltauflösungsstücke von Partei und Regierung vollauf gerecht.[paycontent]

Kösters Ausstellungskonzept hat es nämlich auf souveräne Weise verstanden, hier zwei naturgemäß lauernde Fallen zu umgehen: Weder kommen „DDR-Ostalgiker“ im geringsten auf ihre Kosten (aber der Besuch ist sowieso gratis), noch ist dies ein Lachkabinett für Besserwessis. Die Inszenierung der „Hinterlassenschaften“ ist so lakonisch und leidenschaftslos wie der Titel, unter dem sie stattfindet. Im ausgehängten Informationstext zur Ausstellung, der von einem „Protokoll der Objekte“ spricht, „das eine Hierarchie der Objekte aufstellte und diese Hierarchie in Übereinstimmung brachte mit der Hierarchie der Schaltstellen der Macht und ihrer Personen“, werden wohl politisch-, gesellschaftlich- und kulturell- faktologische Hintergrund- und Verallgemeinerungsaussagen gemacht, aber keine wohlfeilen Urteile gefällt. Auch nicht übers Design von Mobiliar, Geschirr, Textilien, technischen Geräten, Kleiderkoffern für Bruderstaatsbesuche und sogenanntem Raumschmuck. Vielmehr beschränkt man sich – wo sie ermittelbar waren – auf stichpunktartige Angaben über die Gestalter und Hersteller und deren Intentionen. Nur ein Teil des vorgeführten Interieurs wurde ja extra für die hohen Herren entworfen und angefertigt, vieles, ja das meiste entpuppt sich dem staunenden Betrachter als gewöhnliche, ab und zu einmal etwas modifizierte Serienware, die in vielen DDR-Büros und -Haushalten anzutreffen war.

Dieser Rundgang in der Sammlung industrielle Gestaltung lädt ganz unaufdringlich, aber um so nachhaltiger immer wieder zum vertiefenden Nach-Denken und gleichzeitigen Hoch-Rechnen der gewonnenen Einblicke und Eindrücke ein. Schon angesichts der Tatsache, daß die hier gezeigten Hinterlassenschaften nur etwa fünf Prozent (!) des gesamten herrschaftlichen Ostberliner Hausrats von Partei und Regierung ausmachen und manche buchstäblich in letzter Minute vor dem Kehraus der neuen Hausbesitzer am Werderschen Markt und in der Klosterstraße in die Köstersche Sammlung herübergerettet werden konnten. Alles andere ist auf dem Müll gelandet, schon vergessen.

Der Vergessenheit entrissen wurde durch die Sammlung übrigens noch etwas, das sich nun zeitgleich mit den „Hinterlassenschaften“ in der Berliner KulturBrauerei (und durchaus vergnüglich) präsentiert: Ein reizvolles Kapitel DDR-Werbegrafik unter dem Titel „Altbewährt – Jugendfrisch“, geschrieben beziehungsweise gezeichnet und gemalt von einem Altmeister des Plakats der 50er und 60er Jahre, Günter Schmitz. Dem heute im sächsischen Radebeul im Ruhestand lebenden Gebrauchsgrafiker waren nicht die Ideen, aber die Aufträge von Konsum, Elbe-Chemie und Textima ausgegangen, nachdem Anfang der siebziger Jahre die führenden Genossen auf den nebenan ausgestellten Beratungsstühlen beschlossen hatten, die öffentliche Produktwerbung in der DDR als kapitalistisches Relikt radikal einzuschränken.

„Hinterlassenschaften“ und „Altbewährt – Jugendfrisch“: Noch bis zum 15. Februar 1998 in der Sammlung industrielle Gestaltung, Berlin, Knaackstraße 97 (KulturBrauerei), Mittwoch bis Sonntag 14.00 bis 21.00 Uhr.

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(für Design Report, 1997)

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