… und der Zukunft zugewandt

Vor zehn Jahren ging es mit der DDR zu Ende – und auch mit der in mancherlei Hinsicht eigenen ostdeutschen Designkultur. Einige Teams der vormals zahlreichen ehemaligen „volkseigenen“ Kombinats-Designabteilungen in der Industrie haben jedoch den Anschluß an die Marktwirtschaft geschafft, so wie sich auch einzelne Designer mit dereinst schon gutem Namen behaupten konnten. Und von den letzten Studenten an DDR-Designhochschulen sind heute nicht wenige zu erfolgreichen Konkurrenten ihrer Brüder und Schwestern aus den alten Bundesländern geworden. – Günter Höhne mit neun Beispielen aus neun Jahren „Neue Bundesländer“.

 

I

Hennigsdorf bei Berlin. Das ehemalige LEW-Werk am Ort („VEB Lokomotivbau – Elektrotechnische Werke) war bis zum Zusammenbruch der DDR und des sozialistischen Wirtschaftssystems der größte Hersteller von Elektrolokomotiven im gesamten Ostblock. Nicht nur die Sowjetunion und die anderen RGW-Staaten ließen hier für ihre Eisenbahn-Flotten entwerfen und produzieren, auch westeuropäische und Übersee-Auftraggeber waren Hennigsdorfer Stammkunden: Ägypten und Griechenland zum Beispiel, China und Mexiko. Für die sehr breite Produktpalette, von der Untertage-Grubenlok bis zum IC-Triebzug, war gestalterisch seit 1981 ein fest angestelltes Designerkollektiv verantwortlich.

Als 1992 die AEG das Werk übernimmt (das bereits vor dem I. Weltkrieg durch das Unternehmen gegründet worden war und nach 1945 in „Volkseigentum“ überführt wurde), behält die Hennigsdorfer Designer- und Modellbauergruppe größtenteils nicht nur ihre Jobs, sondern wird umgehend mit neuen, aufs modernste eingerichteten Atelier- und Werkstatträumen ausgestattet, und Teamchef ist und bleibt der Ostberliner Lutz Gelbert. Denn die neuen alten Besitzer wissen „aus Erfahrung gut“, dass sie es hier mit einem professionellen Spitzenteam zu tun haben: Schon 1988/89, also noch zu DDR-Zeiten, entwickelten und bauten AEG und LEW erfolgreich gemeinsam diesel-elektrische IC-Triebzüge für die Griechischen Eisenbahnen OSE. Als es dann auf der Hannover Messe 1995 für die Hennigsdorfer eine iF-Branchenbester- Designauszeichnung für die Neuentwicklung des Hochgeschwindigkeitsfahrzeuges BR 12X gibt, bestätigt dies nachhaltig die hohe Kompetenz der Gestalter – und die Weisheit der AEG-Entscheidung für deren „freundliche Übernahme“.[paycontent]

Auch der bald darauf erfolgte Besitzerwechsel des Werkes in die Hände von ADtranz rührt nicht an den Bestand des eingefuchsten Designerpotentials. Im Gegenteil: dem eröffnen sich nun neue Perspektiven internationalen Wirkens – nicht nur, was die Weiterführung attraktiver Aufträge beispielsweise in puncto Metrozüge für Shanghai oder Guangzhou und was neue weltweite Aufgabenstellungen betrifft. Immer öfter und immer enger arbeitet das Hennigsdorfer Designteam nun im Rahmen des seit über zwei Jahren auf Hochtouren laufenden komplexen Adtranz-Entwicklungsprogramms für Züge im Intercity- und Interregio-Verkehr AIM (Adtranz Intercity Multiple Unit) federführend auch an multinational vernetzten Entwicklungs- und Gestaltungsprojekten des internationalen Konzerns mit.

II

Ruhla in Thüringen. Über den Uhren-Massenproduzenten VEB Uhrenwerke Ruhla kursierte seinerzeit unterm Volk das spöttische Kabarettisten-Zitat „Ruhla-Uhren gehen nach wie vor“. Den Markennamen „ruhla“ gibt es seit 1990 nicht mehr, aber Uhren von dort gehen immer noch gut. Oder treffender: gehen jetzt ganz mit der Zeit. Nämlich vorrangig funkgesteuert und unter „Eurochron“ als hundertprozentige Junghans-Tochter-Produkte firmierend. Und auch hier sind, flankiert von zwei Modell- und Musterbauern, drei altbewährte, ebenfalls hundertprozentige Designspezialisten am Werke, ehedem ausgebildet an der renommierten mitteldeutschen Designernachwuchswerkstatt Halle – Burg Giebichenstein.

Chefgestalter Bernd Stegmann, 1981 dem dritten Jahrgang von jungen DDR-Design-Förderpreisträgern angehörend, war schon zu Ruhla-Uhren-Zeiten hier Atelierleiter und brachte als überzeugende Referenz für die Firmenherren der Neugründungsära die 1989 gestaltete „Funktischuhr 330/4012“ mit – prämiert mit der letzten „Gutes Design“-Auszeichnung der DDR auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1990. Der zeitlos schöne Zeitmesser erfreut sich bis heute regen Händlerinteresses und ist Anwärter auf einen der deutschen Longlife-Design-Awards, die – erstmals – in diesem Jahr auf Initiative von Busse Design, Ulm, vergeben werden sollen. Zwei der jüngeren Eurochron-Funkwecker-Geschwister brachten es bereits 1994 und 1995 zu Thüringer Landes-Designpreis-Anerkennungen.

III

Leipzig, Hauptstadt der Wende 1989. Einer der ersten Industriegiganten der DDR, der von der Treuhandanstalt hektisch verhackstückt und verramscht wird, ist das hier mit seinem Stammsitz beheimatete TAKRAF-Kombinat, exportintensiver Transportanlagen-, Kräne- und Fördertechnikhersteller. Und eine der ersten für entbehrlich gehaltenen zentralen Forschungs- und Entwicklungseinheiten ist die nicht nur für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich kreative Designleiteinrichtung, die sich in der Fachwelt vor allem einen guten Ruf in Sachen Führerstand-Ergonomie-Analysen und -Regelwerke erworben hat. Da waren weder eine feindliche, noch eine freundliche Übernahme für die Designertruppe in Sicht.

Eine kleiner Kern von Machern will sich nicht ins Bockshorn beziehungsweise aufs Arbeitsamt jagen lassen und entschließt sich, ganz von vorn, ganz unten anzufangen, auf dem harten Boden der neuen Tatsachen. Stefan Sachs, schon bei seinem ungeliebten staatlichen Leiter als Trotzkopf, für den es ein „geht nicht“ nicht gibt, immer mal auffällig, gründet seine eigene „realdesign Gesellschaft für Produktgestaltung und Grafik mbH“ und stellt eine Handvoll Ex-Kollegen als Mitarbeiter ein. Liegengebliebenes, Abgebrochenes bei Ex-TAKRAF-Restbetrieben wird zunächst zu Ende designt. Mit Erfolg: Der Eisenbahndrehkran Telvar 100 erhält 1991 in Hannover eine iF-Auszeichnung und im Jahr darauf auch den ersten Sächsischen Staatspreis für Design, und ebenfalls 1992 gibt es eine Anerkennung zum Bundespreis Produktdesign.

Dann verschwinden die Großgeräte-Kunden unterm Konkurrenzdruck, realdesign bäckt kleine Brötchen – aber immerhin nicht schliff. Seine besondere Ergonomie- und Grafik-Kompetenzen stoßen bei neuen Partnern auf dauerhaftes Interesse. Und man ist ja selbst lernfähig, neugierig. So werden die ehemaligen Krangestalter und Großgerätegrafikdesigner unter anderem Quasi-Hausdesigner bei der traditionsreichen Bürstenmann GmbH im vogtländischen Stützengrün, übrigens einem der ältesten Konsum-eigenen Produktionsbetriebe Deutschlands. Das produktgrafische Knowhow fließt nun in neue Verpackungslinien ein und das ergonomische in die optimale Gestaltung der Purodent-Zahnbürsten.

Aber auch Gerätekomplexe entwickelt man wieder, obzwar in erheblich kleinerem Maßstab als früher für die Montan- und Transportmittelindustrie. Für die expandierende und exportierende mittelständische Dantschke Medizintechnik GmbH in Wachau bei Leipzig wurde das Patientenbehandlungssystem Medicenter 2000 entworfen, ein ergonomisch optimaler HNO-Arbeitsplatz. Von ihm gibt es jetzt auch eine reduziert-kompakte, mobile Variante „Economy“ für den Einsatz zum Beispiel in Entwicklungsländern.

IV

Sömmerda in Thüringen. Hier stand eine Wiege der elektronischen Büro- und Rechentechnik der DDR: Robotron und Soemtron waren Synonyme dafür. Belächelt, zu unrecht oft. Denn die Designqualität der Geräte war gar nicht von Pappe und wurde nicht nur mit entsprechenden DDR-Urkunden und -Medaillen bescheinigt, sondern auch mit dem iF-Siegel von Hannover – und zwar schon 1985 und 1986 für drei Nadel- bzw. Thermodrucker, als an einen „Ostdeutschland-Bonus“ (wie gelegentlich nach der Wende fünf, sechs Jahre später) nicht zu denken war.

Fast jede Rechenmaschine, jeder PC und jeder Drucker, der von Mitte der siebziger Jahre bis 1991 das Robotron Büromaschinenwerk Sömmerda verließ, gingen vorher durch den Kopf und durch die Hände des dort 1973 angestellten Hallenser „Burg“-Design-Diplomanden Wolfgang Schneider. „12 Jahre war ich hier wirklich Einzelkämpfer“, erinnert sich der wie sein Thüringer Landsmann Stegmann 1981 mit einem Designförderpreis ausgezeichnete und drei Jahre später als jüngster Träger des Designpreises der DDR im Rampenlicht stehende Ausnahme-Gestalter heute.

Ansonsten blickt der Heute-wieder-Einzelkämpfer kaum mehr zurück. Gleich, nachdem das Büromaschinenwerk 1991 liquidiert wird („Das Design der letzten PC der DDR von 1989/90 war offenbar noch gut genug, um teilweise von ASI und FUJITSU übernommen zu werden…“), entscheidet sich Computer-Schneider nicht für „ausschalten“, sondern für „Neustart“ als Freiberufler mit kleinem Atelier. Er gestaltet „Erzeugnisse der regionalen mittelständischen Industrie von Spielzeug über Stadtmöbel und PC bis Hightech“ und ist jetzt in größere Räume in einem Gewerbepark bei Sömmerda umgezogen. Und auch die Liste der „Nachwende- Auszeichnungen“, wie er sie nennt, ist schon wieder beachtlich: Seit 1994 bei jedem Thüringer Landesdesignpreis dabei (1998 den 1. und auch noch den 2. Preis abfassend), 1997 eine Anerkennung beim Designpreis Schweiz und 1998 der erste Rote Punkt in Essen.

Was ihn heute so sichtlich glücklich und zufrieden macht? „Der Spaß am Entwerfen ist der gleiche wie früher, aber die Bandbreite der gestalterischen Möglichkeiten sowohl von der Produktpalette als auch der qualitativ möglichen Umsetzung her ist enorm gestiegen. Das Befriedigendste jedoch für mich ist, dass man als echter Partner der Ost-Unternehmensgründer-Generation richtig Einfluss auf Erfolg und damit auch auf sichere beziehungsweise neuzuschaffende Arbeitsplätze hat.“

V

Dresden. In „der Elbmetropole“, wie die Stadt zu DDR-Zeiten gern apostrophiert wurde (der Elbelauf hörte ja im Selbstverständnis der SED-Führung in Boizenburg auf, und Hamburg lag hinterm Monde), in Dresden also war eine Institution beheimatet, die in den Annalen der deutschen Designgeschichte ein einzigartiges Phänomen darstellt: der VEB Designprojekt Dresden mit seinen Nebenstellen („Ateliers“) in Ostberlin und Gotha. Designprojekt war nämlich eine Art Sonderbetrieb des Quasi-Miniministeriums Amt für industrielle Formgestaltung (AIF) in Berlin. Produzierte das AIF (neben der formidablen Fachzeitschrift form+zweck) als parteigesteuertes Reglementierungsinstrument vor allem viel Designbürokratie, so tat sich dessen 1978 gegründetes Staats-Unternehmen Designprojekt mit Hauptsitz in Dresden durch echte Gestaltungsleistungen hervor. Die hatte es (nach Berlin gewinnabrechnend) für kleinere und mittlere regionale, sogenannte „bezirksgeleitete“ Industriebetriebe zu erbringen, die selbst über keine eigenen Designer verfügten wie die großen Kombinatszentralen. Dafür war die (selbst aus dem üblichen VEB-Rahmen fallende) Erzeugnisentwicklungs-Einrichtung mit für DDR-Verhältnisse modernsten Entwurfs- und Modellbautechniken ausgerüstet – mit einem Inventar, von dem freiberufliche Designerinnen und Designer in Ost- und Mitteldeutschland nicht einmal träumen konnten. Und dies war auch eine, freilich hinter vorgehaltener Hand definierte, Funktion des Betriebes: den in der DDR stets beargwöhnten Freiberuflern nicht die Bäume in den Himmel wachsen zu lassen…

Nach der Wende gelang es einem Kern von Designprojekt-Mitarbeitern um Bernhard Sorg, sich nicht nur den Namen ihres ehemaligen Betriebes für die nun eigenunternehmerische Zukunft, sondern auch Aufträge als GmbH zu sichern. Reichliches Designprozeß-Knowhow im Umgang mit kleinen Unternehmen, aber beispielsweise auch mit Großserienproduzenten von Gartengeräte- und Handwerkstechnik, gewachsene Industriekontakte und besagte konkurrenzfähige Ausstattung mit Entwurfsinstrumentarium waren gute Voraussetzungen, dass sich Designprojekt Dresden nicht nur schlechthin, sondern mit bemerkenswerten Ergebnissen auf dem Markt behaupten konnte. Über ein Dutzend Mitarbeiter gestalten für Auftraggeber wie AEG, Stihl/Viking, Sachsenring oder Dental-Kosmetik Dresden, und ihre Gestaltungslösungen haben beinahe schon ein Abonnement auf den seit 1992 jährlich vergebenen Sächsischen Staatspreis für Design.

VI

Gotha. Ähnliches, zum Teil Identisches lässt sich vom Team des einstigen Thüringer Designprojekt-Regionalateliers berichten. Der ehemalige „staatliche Leiter“ und Chefgestalter Holger Gehrmann ist dort heute Geschäftsführer der gotha design + marketing GmbH mit sechs Angestellten, die nicht nur zwischen Jena und Meiningen beheimatete Unternehmen wie etwa das Multicar-Spezialfahrzeugwerk in Waltershausen, das Baumaschinen-Weimar-Werk oder den (freilich immer wieder von Konkursgefahren bedrohten) Zweiradhersteller Simson Suhl betreuen, sondern auch für Volkswagen, Audi, Faun oder MAN tätig sind. Beim seit 1994 ausgerichteten Thüringer Landes-Designpreis fassen sie fast jedes Jahr mindestens zwei Prämierungen ab.

VII

Jena. Muntere Konkurrenz wird den Gothaern freilich seit einiger Zeit an der Saale gemacht, auch was das Einfahren von Landesgestaltungspreisen betrifft: durch ART-KON-TOR. 1994 erhielt die ungemein innovative und produktive Jungdesigner-Truppe als erste aus den neuen Bundesländern den hochangesehenen Lucky Strike Junior Designer Award für ihren im Auftrag der Olympia GmbH Berlin erarbeiteten Entwurf eines Nahverkehrszuges, 1998 gab es dann den iF Produkt Design Award in Hannover für eine völlig neuartige Dental-Kamera.

Das 1990 als Zwei-Mann-Büro gegründete und heute von Fall zu Fall bis zu 15 angestellte und freie Mitarbeiter umfassende interdisziplinäre Team (sogar eine feste Texterin leistet es sich!) hat sein Handwerk größtenteils an renommierten ostdeutschen Hochschulen – so in Halle und Potsdam – gelernt, seine Diplomurkunden aber bereits nicht mehr in roten Mappen mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz überreicht bekommen. Das Angebotsspektrum erstreckt sich vom Produkt- über das Kommunikations- und Fotodesign bis zur Messeauftrittsgestaltung, kompletten Marketingbetreuung und dem CD-Auftritt der Kunden. Zu denen zählen solche namhaften Unternehmen wie Daimler-Benz Aerospace, Sony, Zeiss, Jenoptik, Jenauer Glas/Schottgruppe, die Uni Gießen, aber auch – die Thüringer Polizei.

VIII

Berlin. Scheint sich Thüringen zum Zentrum des neuen ostdeutschen Designs entwickelt zu haben, so sind in der Bundeshauptstadt kontemporäre Erfolgszeugnisse seitens dereinst und heute noch im Ostteil der Stadt ansässiger Gestalter eher selten. Viele sind nach dem „Abschalten“ ihrer Stammbetriebe bzw. -kunden abgewandert oder müssen sich heute mit Lehr- und Gelegenheitsaufträgen begnügen. Ausgerechnet aber eine kleine, verschworene Gruppe, die sich schon zu DDR-Zeiten einem Nischenthema verschrieben hatte, konnte nicht nur überleben, sondern ihr besonderes Profil sogar weiter ausprägen, wenn auch bislang ohne sonderlich spektakuläre Markterfolge. Die aber sind mit jenem Spezialgebiet ohnehin kaum zu erwarten, das im Namen ihres im Stadtbezirk Prenzlauer Berg beheimateten, eingetragenen gemeinnützigen Vereins ausgewiesen ist: „Fördern durch Spielmittel – Spielzeug für behinderte Kinder e. V.“.

Geschäftsführer Siegfried Zoels, vormals eher geduldeteter als jemals mit ehrenvollen Obrigkeitsaufgaben betrauter Mitarbeiter des Amtes für industrielle Formgestaltung und von dieser Zeit her übrigens „Besitzer“ einer dicken, haarsträubenden „Vorgangs-“ Akte aus dem Archiv der Berliner Gauck-Behörde, hatte sich bereits 1988 im UNESCO-Projekt „Toys for Children’s Rehabilitation“ im Rahmen der UNO-Weltdekade für kulturelle Entwicklung (1988 – 1997) enorm engagiert und am Bauhaus Dessau einen entsprechenden internationalen Workshop mitverantwortet. In dessen Folge gründete sich 1991 besagter Verein und enstand 1992 ein erstes dickes Design-Buch „Spielzeugwerkstatt – Spielsachen zum Selbermachen für behinderte und nichtbehinderte Kinder“, dem seither nicht nur zwei weitere Ausgaben, sondern auch eine Vielzahl von Kreativitätsworkshops – einer sogar in Mexiko – mit Teilnehmern aus jeweils rund 15 Ländern folgten.

Herausgekommen sind beispielsweise ein Mensch-ärgere-dich-nicht für Blinde, eine Drei-Meter-Schlange, die mit Holzkugeln gefüllt ist und beim gemeinsamen Spielen wundersame Geräusche von sich gibt, und viele andere lustige Sachen zum Greifen-, Tasten-, auch Atmen- und überhaupt (Sich-) Kennenlernen mehr. „Alles“, so Zoels, „kein ,Behinderten-’, sondern einfach nur gutes Spielzeug“. Im Handel so gut wie überhaupt nicht unterzubringen, aber unter anderem auf der Vereins-Homepage im Internet unter www.spielmittel.de anschau- und abrufbar.

IX

Wegendorf in Brandenburg. Die wenigsten der Einwohner jener kleinen Gemeinde „jott we de von Berlin“ im Märkischen Oderland, dort, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen, wissen wahrscheinlich, wen überhaupt sie da seit ein paar Jahren zu Nachbarn haben. Dass dort hinter dem Gartenzaun mit dem Firmenschild „formbund“ unter anderem daran gearbeitet wurde, ihnen seit einiger Zeit ihr Geld schöner aus der Tasche ziehen zu können. Wenn sie beim Ausflug zum Ku’damm berappen müssen an den dort reihenweise aufgestellten edlen Parkscheinautomaten ParkLine 2001– die haben Reinhard Otto Kranz und Anne Kranz–Mogel von formbund entworfen. Und wenn die Wegendorfer Berlin wieder fliehen und dabei in eine Radarfalle stolpern, dann haben die Kranzens womöglich abermals ihre Hände im Spiel: Sie entwickelten für einen Schweriner Hersteller das mittlerweile massenhaft georderte „Bildauswertungsgerät Argus Select“, das manchem Verkehrssünder Flensburger Punkte beschert, den Designern und Produzenten hingegen einen Roten Punkt in Essen und einen Landesdesignpreis in Mecklenburg-Vorpommern einbrachte.

Schon zu DDR-Zeiten war der Urberliner Kranz als diplomierter Ingenieur- und- Design- Freiberufler mehr „in der Provinz“ engagiert und unter anderem im mecklenburgischen Neubrandenburg damit befaßt, der damaligen Bezirkshauptstadt zu einer für die gesamte DDR beispielhaften Stadtmöblierung zu verhelfen oder die Mitropa-Kaschemme im Bahnhof zu einem modernen Verweil-Paradies umzugestalten. Unter anderem für das Neubrandenburger öffentliche Ensemble erhielt er seinerzeit den Design-Förderpreis, sozusagen den Junior Designer Award, der DDR. Und nach wie vor ist das Anderthalbmeter-Energiebündel auch in Wegendorf am seltensten zu Hause anzutreffen, immer zwischen seinen Auftraggebern in Schwerin und Schwaben auf Achse. Längst genügen seiner Partnerin Anne oft nur ein paar Gedankenskizzen von unterwegs per Autotelefon, um sie in erste handfeste Rechnerentwürfe umzusetzen: Regionalbahnhofsausstattungsentwürfe für den Nordosten, zeitgemäße Adaptionen für einen schier unbegrenzten industriellen Baukasten von Bäderarchitektur-Elementen, die vor allem auf Rügen reißend Absatz finden, Seifenspender für Gewerbe und Chirurgie, eine Baureihe von Solar-Shuttles für den Touristik- und Messe-Verkehr…

Und manchmal fällt dem kleinen Mann mit dem ungewöhnlich weiten kulturellen, ökonomischen und technischen Horizont („…und Mozart im Auto ist mein Gehirn-Checking“) etwas so ganz Simples ein wie dies: dass doch jene handelsüblichen Sahnesprühdosen eine schön gedeckte Kaffeetafel ziemlich verhunzen. Dann setzt er sich hin und entwirft einen Überzieher dafür aus Edelstahl und transluzidem blauem Kunststoff und bietet das „mal eben“ niemandem Geringerem an als ausgerechnet WMF. Und dort ist man ganz aus dem Häuschen und startet sofort eine Großserie, die im Handel weggeht wie frische Sahne. Wahrscheinlich ist sie inzwischen auch schon bei ein paar Wegendorfern angekommen.

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(Beitrag für die Zeitschrift „form“ 1999, dort gekürzt erschienen)

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