Vom Sich-Schinden, Sich-Sammeln und vom Sammeln

Zu Ekkehard Bartschs Grafik-Ausstellung „Europäische Landschaften“ in den Stadtwerken Strausberg, Oktober/November 2010

Sehr verehrte Gastgeber, liebe Gäste, liebe Leonore, lieber Ekkehard Bartsch,
danke für die Einladung, die Eröffnung dieser Ausstellung mit ein paar Vorbemerkungen begleiten zu dürfen. Jedoch möchte ich heute ausnahmsweise einmal weniger über den Autor und gar nichts über die Deutung seiner Werke sagen, meine lieben Anwesenden, sondern vielmehr etwas über uns, zu uns, die wir hier als Publikum zusammengekommen sind.

Was wollen wir eigentlich hier?

Was erwarten wir zu sehen, zu erfahren, womöglich mit nach Hause zu nehmen – aber was könnte der Künstler vielleicht auch erwarten, erhoffen, dass wir es ihm als Anteilnahme an seinen Arbeiten bezeugen mögen?

Denn bildende Kunst herstellen, ausstellen IST ARBEIT. Gelegentlich verflucht nervende und erschöpfende Arbeit. Nicht umsonst spricht man im Deutschen ja von „Schöpfungen“, und die sind oft auch Er-schöpfungen – dann allerdings im Ergebnis meist eben wirklich Kunst.

Zunächst aber nun doch auch ein paar wenige Worte zu Ekkehard Bartsch. Er ist streng genommen Autodidakt, Amateur auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Amateur sage ich, nicht Laie! Amateur heißt übersetzt „Liebhaber“. Ekkehard Bartsch hat Grafik, Malerei, Bildhauerei, aber auch Musik, Theater, Fotografie, Filmkunst, überhaupt Kulturgenuss schon immer nicht nur gemocht und diese Genüsse mit seiner Frau Leonore stets geteilt, sondern steht mit einigem davon schon lange in einem zunehmend aktiven Liebesverhältnis. Mit seinen eigenen Werken der Grafik, Malerei, Fotografie und Plastik tritt er aber erst seit den 90er Jahren in die Öffentlichkeit.[paycontent]

Was hat er, 1934 in Berlin geboren, eigentlich vorher getrieben? Industrieformgestalter (heute sagt man „Designer“) war er, gehörte als Diplomand 1960 zur Liga der ersten Formgestalter-Absolventen-Jahrgänge der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, schuf DDR-Designklassiker wie das legendäre Telefon W 58 oder das Tonbandgerät BG 26 und war später viele Jahre lang bis zum Ende der DDR leitender Mitarbeiter im Berliner Amt für industrielle Formgestaltung. Er hatte da mehr als genug zu tun, dem Produktdesign in den Betrieben und Kombinaten der DDR auf die Sprünge zu helfen, um sich daneben nicht auch noch an eine Staffelei oder gar in eine Grafikwerkstatt stellen zu können. Dem vermochte er erst näherzutreten, als er von seinen Amtspflichten entbunden und Ruheständler geworden war.

Wobei folgendes festzuhalten ist: Als Ekkehard Bartsch damals Design studierte, war es noch unbedingte Voraussetzung, dass man nachgewiesene bildkünstlerische Begabung bei der Bewerbung zum Studium mitbrachte, und die wurde dann im künstlerischen Grundlagenstudium noch intensiv untermauert. Heute sieht das – erlauben Sie mir diesen Einschub – an den meisten Designer ausbildenden Hochschulen und Universitäten in Deutschland anders aus. An einigen wird beim Aufnahmeverfahren schon gar nicht mehr nach einer bildkünstlerischen Eignung verlangt. Die „Mappe“ mit Arbeitsproben ist da verpönt. Vielmehr sind beim Aufnahmegespräch markttaugliches Geschwätz und saloppe Pfiffigkeit gefragt. So wie der Begriff „Design“ selbst ja längst zur Floskel, zum albernen Schlagwort verkommen ist: „Nail-Design“ für Finger- und Fußnagelstyling, Friseure machen „Hair-Design“ und Versicherungsagenten so genannte „Designer-Verträge“; das sind übrigens nicht etwa Lebensversicherungen für Designer, sondern maßgeschneiderte („designte“) individuelle Sicherheits-Elaborate für zahlungskräftige Exklusivkunden.

Aber zurück zum Design, wie es auch Ekkehard Bartsch dereinst als Form-Gestalter verinnerlicht und praktiziert hat, und vor allem zu seinem Tun heute:

Wie hier in der angewandten ist es auch in der freien Kunst beim Publikum und bei der Kritikerkaste für gewöhnlich allein das Ergebnis, das Endprodukt, das im Fokus der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit steht. Der Prozess, WIE und WARUM GERADE MIT DIESEN MITTELN das Werk entstand, darüber wird kaum reflektiert, danach wird der Schöpfer selten gefragt. Eine Bleistiftzeichnung ist eine Bleistiftzeichnung, ein Pastellgemälde eben ‘was Anderes, ein Aquarell ein Wasserfarbenbild und ein Ölbild ein Ölbild, eine Radierung eine Radierung, basta – na und.

Warum aber unterzieht sich der Künstler zum Beispiel der riskanten Mühe, ausgerechnet ein Aquarell als Technik für sein Motiv zu wählen? Das weiß doch noch ein jeder aus dem Kunstunterricht in der Schule (ja, wir hatten den noch obligatorisch mit zwei Wochenstunden): Da musst du ungeheuer flink sein mit Farbe und Pinsel, das trocknet wahnsinnig schnell, und Misslungenes ist dann nicht mehr zu reparieren. Malen mit Ölfarben hingegen! Die pure Lust! Da hast du so viele Korrekturmöglichkeiten, vom Ausmerzen mit dem Terpentinlappen und Neuausfertigen bis hin zum Übermalen sogar des ganzen Bildes – ist doch ein gemütliches Vergnügen dagegen.

Aber nun – was wir heute von Ekkehard Bartsch zu sehen bekommen! Druckgrafiken! Wissen Sie, was da zu bewerkstelligen ist, von der Inspiration über den ersten zeichnerischen Entwurf bis hin zum gelungenen Druck??? Der Mann muss einen Hang zur Selbstgeißelung haben.

Ich ziehe alle Hüte und Mützen vor dir, lieber Ekkehard. Und wer’s genau wissen will warum – der frage dich selbst: nach den entnervenden, verzweifelnden und am gelungenen Ende doch so beglückenden Prozessen, die du – du deutscher Ruheständler, Amateur, Kunstfertiger – dir zumutest. Du selbst hast das einmal folgendermaßen geschildert:

„Ein gedrucktes Bild entsteht im Unterschied zu einem mehr spontanen Aquarell oder Pastell oder Ölbild im Verlauf einer Reihe von Teilschritten. Diese sind nun wiederum von einer Vielzahl von Faktoren (meist auch noch vom Zufall) beeinflusst. Ich will mal nur einige nennen: Die Papierqualität, das Plattenmaterial, das Säurebad, das Kolphonium und seine Schmelze, der Asphaltlack, die Druckfarbe, der Druckfilz und die Presse und vieles mehr. Dazu kommt noch der subjektive Faktor als wesentliches Element, wie z. B. die Radiernadel auf der Platte geführt wird oder wie die Farbe aufgetragen und ausgewischt wird…“

Ist vielleicht diese unumgängliche Mühe, diese vorausgesetzte Unerbittlichkeit des Grafik-Künstlers gegen sich selbst mit ein wesentlicher Grund dafür, dass künstlerisch-grafische Disziplinen in der aktuellen Kunst-Szene immer mehr verschwinden – also auch aus den Programmen zeitgenössischer Galerien? Passt eine derartige Plackerei und Schinderei einfach nicht mehr in den Kunstbetrieb einer Spaß- und Fast-Art-Kulturgesellschaft von heute? Ist doch totaaal uncool: Grafik! Graffiti ist heute gefragt. Und wie geil ist so ein riesiges Tubenquetsch- und Spachtelwerk Neuer Leipziger, Berliner, Neuruppiner oder Schlawiner Schule!

Holzschnitt, Holzstich, Kupferstich, Radierung, Aquatinta, Lithografie, Siebdruck: Das klingt ja schon altbacken.

Liebe Gäste, Lothar Lang notierte bereits in seinem 1979 erschienenen grandiosen Buch „Der Graphiksammler“ im Kapitel „Holzschnitt“, ich zitiere:

„Heute scheint der Holzschnitt verschiedenen Sammlern nicht mehr attraktiv genug zu sein. Die Zahl der Holzschneider ist ebenfalls rückläufig.“

Eine Tendenz, die, zumal in heutigen Zeiten beliebiger und unbegrenzter digitaler Verfügbarkeiten von Bildwerken, sich mittlerweile auf so gut wie alle Druckgrafik-Gewerke erstreckt hat. Und wissen Sie noch, wie bis vor 20, 30 Jahren Literatur mit Buchkunst, mit Grafik, mit Vignetten und Illustrationen einher ging? Die industrielle Massenproduktion von Buchtiteln kommt heutzutage nicht nur weitgehend ohne nachhaltige literarische Substanz aus, sondern schon längst und erst recht auch ohne die Poesie bildhaften Beiwerks. Buchillustratoren finden heute eigentlich nur noch in der Kinderliteratur Unterschlupf, anspruchsvolle und einst für die Begleitung von Belletristik kongenial präsente Grafiktechniken wie der wundervolle Holzstich sind weggehobelt. Welch Verlust. Immerhin halten Buchmessen sich heute die Abteilung „Das schöne Buch“ noch aus Pietät.

Aber zum Glück gibt es sie trotzdem noch: die unverdrossenen echten Künstler – und Sammler. Über Letztere, ohne die das Schaffen der Ersteren in der Tat längst bloß noch ein kauziges Hobby wäre, sagt Lothar Lang:

„Wie alle echten Sammler sammeln sie nicht, um Geld anzulegen, sondern aus Liebe zur Kunst, aus Leidenschaft, aus Begeisterung und Verehrung für sie. Die Kunstwerke, die sie erwerben, sind ihre Lebensbegleiter. Sie stehen mit ihnen in einem kritischen Dialog, aus dem sich Kenntnis und Urteilsfähigkeit ergeben.“

Bleiben Sie dialogbereit, liebe Gastgeber und Gäste. Und: sammeln Sie Grafik? Noch nicht bisher? Vielleicht beginnen Sie heute damit… Ekkehard Bartschs Bilder sind auch käuflich.

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(Rede zur Vernissage in Strausberg am 6. Oktober 2010)

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