Wagenfeld & Co. digital

Die legendären deutschen Loseblatt-Warenkunden auf CD-ROM

Archiv des deutschen Alltagsdesigns (AdA)

Warenkunden des 20. Jahrhunderts

Herausgegeben von Hasso Bräuer Directmedia Publishing GmbH,

Berlin Digitale Bibliothek,

Band 56 CD-ROM für Windows

4247 Seiten, ca. 4000 Fotografien / € 189 / 319 sfr

ISBN 3-89853-156-2

 

Der form-Leserschaft ist frohe (Waren-)Kunde zu vermelden. Als Band 56 seiner 1997 aus der Taufe gehobenen Digitalen Bibliothek legt der in Berlin ansässige Verlag Directmedia Publishing nunmehr die CD-ROM-Edition „Archiv des deutschen Alltagsdesigns“, kurz AdA, vor. AdA enthält nicht weniger als den gesamten erfassten Bestand der deutschen Warenkunden des 20. Jahrhunderts, die da sind: das 1915 vom Dürerbund-Werkbund in Dresden-Hellerau herausgegebene Deutsche Warenbuch, das 1933 in Potsdam erschienene Warenbuch für den neuen Wohnbedarf, die Deutsche Warenkunde von 1939 bis 1941 (erarbeitet vom reichsstaatlichen Kunst-Dienst Berlin), die Stuttgarter Deutsche Warenkunde des Deutschen Werkbundes von 1955 bis 1961 sowie die in Ostberlin vom Institut für angewandte Kunst herausgegebene Dokumentation Form und Dekor, ebenfalls zwischen 1955 und 1961 ediert.

Von all diesen Warenkunden, denen die jeweiligen Herausgeber und Verfasser das Gewicht zeitgenössischer Aufklärungsinstrumente im Dienste guten Geschmacks beimaßen, existieren in Museen und Designinstitutionen heute nur noch vereinzelte und zumeist unvollständige Exemplare. Die gesamte Reihe dieser Loseblatt-Sammlungen (!) von 1915 bis 1961 ist nirgendwo komplett anzutreffen. Das langwierige Aufstöbern und Zusammenstellen der summa summarum 4247 Druckseiten mit etwa 4000 Fotografien durch AdA-Herausgeber Hasso Bräuer sowie deren Faksimile-Erfassung bzw. -Rekonstruktion ist allein schon eine (produkt-)kulturhistorische Großtat. Wobei ihm mitunter pures Glück an die Seite trat, das wohl allerdings auch seinen Preis hatte – so im Falle der wohl nahezu vollständigen, sehr seltenen Warenkunde-Blätter aus dem Dritten Reich, die er privat erwerben konnte (oder auch musste).[paycontent]

Wobei „Warenkunde“ ein Begriff ist, der manch einem womöglich falsche Erwartungen einflüstert. Suggeriert er doch eher, Auskunft zu geben über Rohstoffe, Verarbeitungs- und Produktionstechniken als über Produktsortimente und -qualitäten. Genau Letzteres aber beabsichtigten die jeweiligen Herausgeber ausschließlich: dem Handels- und somit indirekt auch dem Konsumentenvolk aneignungswürdig gestaltete Serienerzeugnisbeispiele zu offerieren und diese auch buchstäblich dingfest zu machen, sie aus ihrer üblichen Laden- und Kaufhausregal-Anonymität zu heben. Deshalb wurden die fotografischen Produktempfehlungen neben ihrer technischen und formalen Kurzbeschreibung akribisch mit Unternehmens- und Gestalterangaben versehen – ein Kundeninformationsanspruch, der bis da hin nur Kunst-, Kunsthandwerks- und bestenfalls hochwertigen Manufakturerzeugnissen „zustand“.

Die Auswahl dessen, was„guten Geschmack“ (später „die gute Form“ ) verkörperte oder verkörpern sollte, besorgten spezielle Gremien. Diese begutachteten indes nicht kollektiv, was alles in allem in die Loseblattwerke aufgenommen würde. Vielmehr entschieden im doppelten Wortsinne „berufene Autoritäten“ autonom über die Inprimatur. Oftmals bearbeitete tatsächlich eine einzige Fachperson im Auftrag der jeweils herausgebenden Institution langfristig einen gesamten Industriezweig wie etwa Glas/Keramik/Porzellan. Eine Praxis, die übrigens von 1915 bis 1961, vom Kaiserreich bis ins geteilte Deutschland, prinzipiell beibehalten wurde. Und die weitestgehend ausschloss, was bei den heutzutage in der Regel jährlich neu durchmischten Jurys großer Designwettbewerbe in Deutschland so selbstverständlich geworden ist: dass so manches Unternehmen oder große Designatelier sich schon mal auf einen Lobbyisten im Entscheidungsgremium stützen, sich quasi „einkaufen“ kann.

Umfassend wie bisher noch nirgendwo sonst breitet das digitale Archiv des deutschen Alltagsdesigns nun also Tausende von Produkte-Seiten aus, darüber hinaus aber auch die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Warenbücher und Warenkunden. Besonders hervorzuheben hier die Sisyphusarbeit von Margarete Droste, die sich in einem sehr fundierten Aufsatz mit dem bislang kaum erschlossenen Editionszeitraum Drittes Reich befasst. Das in ihm nunmehr geortete Erbe sei, so die Verfasserin bei der CD-ROM-Premiere in Berlin, in mehrfacher Hinsicht die „absurdeste der Warenkunden überhaupt“ , deren bis 1944 (!) akribisch als Produktgutachter gleichsam in einem Elfenbeinturm wirkende Staatsangestellte sie als „harmlose Mitläufer im Auge des Taifuns“ ausmacht.

Können auch insgesamt die Herausgeber- und Autorenleistungen nicht hoch genug eingeschätzt werden, so sind es doch aber erst die informationstechnischen Segnungen digitaler Wort-, Bild- und Sinnvernetzungsmöglichkeiten und das Speicher- und Arbeitsmedium CD-ROM, die es heute dem Nutzer erstmals erlauben, das gesamte riesige Produktkultur-Kompendium aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur intelligent zu bündeln, zu ordnen und jede Ausgabe für sich zu verschlagworten, sondern zwischen all den Warenwelten wandern oder auch lustwandeln zu können. Etwa ist, unabhängig von den sich bietenden Möglichkeiten der Volltextsuche, der Zugriff auf die Schlüsseldaten der Produkte mittels einer frei sortier- und mannigfaltig auswertbaren pfiffigen Datenbank nachgerade ein Kinderspiel. Über die Felder Bildvorschau – Publikation (Quelle) – Produktgruppe – Untergruppe – Bezeichnung – Material – Materialgruppe – Gestalter – Jahr – Hersteller – Herstellungsort – Region – Bearbeiter bzw. Fotograf (des jeweiligen Loseblatts) etwa erschließt sich dem CD-ROM-Nutzer eine faszinierende Fülle miteinander kommunizierender Fakten, Namen und Daten. Einfache und erweiterte Volltextsuche mit den Operatoren UND und ODER sowie Platzhaltern (auch in Fasimiles!), Aufbau von Fundstellenlisten, selbständig aktive Datensatzerzeugung mit Optionen zur persönlichen Listenverwaltung – alles kein Problem. Kommentierung und Speicherung, komfortable Bildbetrachtungs- sowie Druck- und Exportfunktionen – die ausgeklügelte verlagseigene Software lässt kaum einen Arbeits- und Erkenntniswunsch offen.

Bis auf einen: Das Ganze läuft wieder mal nicht auf MacOS. Wer hier also nicht Virtual PC bemüht, bleibt warenunkundig. Ein eigentlich unverzeihliches Manko dieser ansonsten vorzüglichen digitalen Edition – wendet sie sich doch an einen Nutzerkreis, in dem sich nicht wenige konsequente Mac-User befinden dürften. Dabei hätte man schon bei der Softwareentwicklung im Hause Directmedia Publishing nur auf Portierbarkeit abzielen müssen, wie bei den PC-Bibliotheken von Langenscheidt und Duden geschehen mit ihrer 1:1-Portierung. Recht ärgerlich.

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(Rezension für die Zeitschrift „form“1999)

 

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