>Wanderer zwischen den Welten: Lutz Brandt

Lieber Lutz Brandt, liebe Mitgäste und Freunde,

es ist wahrscheinlich etwas ungewöhnlich, die Laudatio auf einen Künstler zur Eröffnung seiner Ausstellung mit dem Seitenblick auf eine andere Ausstellung einzuleiten:

Vielleicht wissen Sie, dass zur Zeit im Gropiusbau unter dem Titel „Klopfzeichen“ die Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland beleuchtet wird. Es ist dies eine Doppelausstellung mit den beiden Untertiteln „Wahnzimmer“ und „Mauersprünge“, und sie forscht dem grenz-überschreitenden Kunst- und Literaturdialog zwischen den getrennten beiden deutschen Republiken nach, beziehungsweise auch individuellen Schicksalen von Grenzgängern und Mauerspringern – und zwar nicht nur solchen, die vom Osten in den Westen überwechselten, sondern auch gegenläufig sozusagen. In den 80er Jahren wie gesagt.

Seltsam erscheint es mir, dass ausgerechnet Lutz Brandt von den Ausstellungsmachern nicht wahrgenommen wurde. Sie werden gleich dahinter kommen, warum dies eigentlich wirklich undenkbar ist. Aber manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht – und manchmal wohl eben auch die Zeichen an Wänden nicht vor lauter Häusern…

Und wie viele unverwechselbare brandtsche Häuserausschmückungen gibt es aus den 80er und 90er Jahren in Ost- wie Westberlin![paycontent]

(…)

Wanderer zwischen den Welten… Da war (…) die Wanderungen zwischen Ost und West, hin und her und wieder zurück, endgültig wieder in den Westen 1984, als er im Auftrag des DDR-Kunsthandels als „Devisenbeschaffer“ offiziell öffentliche Kunst am Bau in Westberlin installieren darf. Nicht, weil’s dem Esel zu wohl war, ging er vom Müggelsee- aufs Wannsee-Eis tanzen, sondern weil ihm zu wehe wurde. Der Reisepass privilegierte und diskreditierte ihn zugleich, vor allem unter seinen Künstlerkolleginnen und -kollegen. Lutz Brandt sagte mir einmal, zurückblickend: „Dieses Gefühl, abends durch die verregneten dunklen Straßen nach Ostberlin zurückzukehren, zu den Freunden, die auf ihre bestellten West-Turnschuhe oder die chinesische Sojasoße warteten – das kann man nicht beschreiben.“

Und allmählich stinkt es ihm unter der Käseglocke DDR, unter der, wie er es einmal beschrieb: „riesigen Klimaglocke, immer 22 Grad Celsius und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit“. – Wir wissen: das sind Idealwerte zur Aufbewahrung von Zigarren im Humidor. Nicht aber für einen, der aufs Leben brennt und auch noch Lutz Brandt heißt und den es auf seinen Brand(t)sohlen immer mehr in die freie Wildbahn lockt.

Wanderer zwischen den Welten:

Lutz Brandt verfolgt zeit seines Schaffens aus seinem Ruderhaus über (und oft genug auch in) den vielzitierten Wogen der Geschichte beides: Im Flüchtigen, Hinfälligen, Untergehenden bleibenden Wert zu entdecken und sozusagen im doppelten Wortsinn perspektivisch zu kartieren – und aus dem Monumentalen, auf Ewigkeit Gebauten die Vergänglichkeit herauszuhören wie die Glocken von Atlantis.

Die Trabi-Poster: waren sie nicht auch schon ein Abgesang auf die grau-blassbläulich-oliv-fahlweiße Allgegenwart der knatternden, stinkenden Duroplast-Einheitskarossen?

Brandts gezeichnete fantastische Balkon-Auswüchse an sozialistischen Plattenbauten: waren sie nicht auch kleine Merk-Zettel, einmal perspektivisch auch in der DDR über partizipatorisches Bauen nachzudenken?

Übertreibung macht anschaulich, sagt ein Sprichwort.

Feine Ironie ist ein immer wieder auszumachender Bestandteil des Firnis, der über den Brandtschen Bildern liegt.

Apropos Firnis: Wir sind hier zu einer Vernissage zusammengekommen. Der Begriff kommt von „Firnis“, dem Schlussstrich sozusagen, der auf ein Gemälde aufgetragen ist. Womit ich nun auch den Schlussstrich unter meine Betrachtungen ziehen will.

Mit einer letzten Anmerkung noch zur letztlich von mir ins Spiel gebrachten Brandtschen Ironie:

Der chinesische Dichter Lao She war es, glaube ich, der in den 30er Jahren den schönen Satz aufschrieb:

„Das Herz des Ironikers ist kalt, das Herz des Humoristen warm.“

Nehmen Sie etwas von Lutz Brandts unverdrossener Warmherzigkeit mit nach Hause in diesen kalten Tagen

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(Laudatio Lutz Brandt / Galerie Ost-Art, Berlin, 4. April 2003; Auszüge).

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